Warum das Fahrrad mehr ist als ein Verkehrsmittel – und was Städte gewinnen, wenn sie ihm Raum geben.

Es läuft immer so herrlich unspektakulär. Ein Bein schwingt über den Sattel. Ein Fuß sucht Halt auf dem Pedal. Ein kurzer Schwung – und man gerät in Bewegung; ein Dahingleiten, das nicht dröhnt, nicht qualmt, nicht drängelt. Nur Rhythmus. Luft. Vorbeiziehende Stadt. Wer regelmäßig radelt, kennt diesen Moment: an einer stehenden Autokolonne vorbeizuzischen, ganz ohne Triumph im Blut, sondern schlicht mit dem Wissen, wie einfach es sein kann. Wenn man sich nicht im Stop-and-Go durch die Straßen kämpfen muss. Wenn der Fahrtwind die Gedanken zum Schweben bringt. Wenn eine Strecke nicht bloß Weg, sondern schon Ziel ist.

„Nicht Städte sind laut – Autos sind laut.“

Natürlich ließe sich jetzt die übliche Litanei anstimmen: gut fürs Klima, gut fürs Herz, gut gegen Stau. Alles richtig. Alles bekannt. Und doch greift es zu kurz. Denn die eigentliche Frage lautet nicht, was das Fahrrad für uns tut – sondern was es mit einer Stadt macht. Ingwar Perowanowitsch sagt: „Nicht Städte sind laut – Autos sind laut.“ Ein leiser Satz – und doch mit Sprengkraft! 

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Der Journalist und Filmemacher ist zwei Monate lang durch Europas fahrradfreundlichste Städte geradelt, mit Kamera im Gepäck, offenem Blick und der Neugier eines Menschen, der wissen will, warum sich manche Orte leichter anfühlen als andere. Sein Film „Cycling Cities“ ist weniger Verkehrsanalyse als atmosphärische Spurensuche: Was passiert, wenn Straßen nicht länger verstopfte Durchgangsschneisen sind, sondern lebendige Adern des urbanen Raums? 

Film Cycling Cities: vielm mehr als Utopie

Als Perowanowitsch seinen Film kürzlich im Rosenheimer Palais Vélo zeigte – einem schmucken Werkstattladen mit hohen Backsteinwänden – war der Raum rappelvoll gefüllt. Rund 120 Menschen, dicht gedrängt, die aufmerksam lauschten, staunend guckten. Perowanowitsch bringt keine verkehrspolitische Grabenschlacht auf die Leinewand. Vielmehr weckt er Neugier. Neugier darauf, wie sich eine Stadt anfühlen kann, wenn sie umdenkt, „transformiert“ wird. 

Perowanowitsch zeigt in Cycling Cities keine Utopie. Er zeigt Straßen, die anders priorisiert wurden. Kreuzungen, die nicht länger Gefahrenzonen sind. Plätze, die Menschen gehören. In Paris etwa, wo binnen weniger Jahre Hunderte Straßen vom Autoverkehr befreit wurden. In Utrecht, wo eine Autobahn einem begrünten Kanal wich. In Kopenhagen, wo Radbrücken zu Wahrzeichen geworden sind.

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Große Städte, gewiss. Aber keine Ausnahmeerscheinungen mehr. Denn das Prinzip ist simpel – fast banal: Wo Radwege breit und sicher sind, fahren mehr Menschen Rad. Wo weniger Autos dominieren, wird es leiser. Wo es leiser wird, bleiben Menschen länger. „Wer Radwege sät, wird Radverkehr ernten“, sagt Perowanowitsch. Und meint damit nicht nur die Infrastruktur, sondern auch Haltung. Städte, die sich verändern, tun das nicht zufällig. Sie entscheiden sich. Sie definieren neu, wem der öffentliche Raum gehört.

Wandel beginnt mit Erkenntnis

In Paris begann der Wandel mit einer politischen Entscheidung. Unter Bürgermeisterin Anne Hidalgo wurden Parkplätze abgebaut, Fahrspuren umgewidmet, Uferzonen geöffnet. Der Autoverkehr halbierte sich über zwei Jahrzehnte, die Luft wurde messbar besser. Nicht zuletzt wurde das lange, lange Seine-Ufer wieder ein Ort, an dem man flaniert statt hupt. In Utrecht fährt man über Brücken, die allein den Radfahrenden gehören. Der öffentliche Raum zeigt sich leise, entschleunigt, ja großzügig. Wer dort unterwegs ist, fühlt eine andernorts unbekannte Sicherheit – nicht als Nebeneffekt, sondern als Gamechanger. Niemand wird an Kreuzungen bedrängt. Niemand muss sich in waghalsigen Manövern zwischen Bordstein und Blechlawinen hindurchquetschen. Auch Kopenhagen hat das Radeln zur Selbstverständlichkeit erhoben. Breite, baulich getrennte Wege ziehen sich durch die Stadt. 34 Prozent aller Wege werden dort mit dem Fahrrad zurückgelegt! Nicht aus Ideologie. Sondern weil es so unfassbar praktisch ist. Schnell. Sicher. Einfach.

Das Erstaunliche: Keine dieser Städte ist fahradfreundlich vom Himmel gefallen. Auch Amsterdam oder Utrecht standen in den 1970er-Jahren vor der Entscheidung, ihre Zentren autogerecht umzubauen. Pläne lagen bereit, Kanäle sollten zugeschüttet, Viertel abgerissen werden. Erst Proteste – nicht zuletzt von Eltern, deren Kinder im Verkehr starben – führten zum Umdenken.Wandel beginnt selten aus Komfort. Er beginnt aus – mitunter bitterer – Erkenntnis. 

Jedes Jahr sterben in Deutschland Hunderte Radfahrende und Fußgänger:innen im Straßenverkehr. Die meisten unverschuldet. Es sind Zahlen, die in kurzen Meldungen versickern, begleitet von Formulierungen wie „tragischer Unfall“. Doch wer genauer hinsieht, erkennt Muster: Kreuzungen ohne Schutz, fehlende Trennung vom Autoverkehr, zu hohe Geschwindigkeiten. Die Lösungen sind bekannt: Tempo 30. Geschützte Radwege. Getrennte Ampelphasen. Städte wie Oslo oder Helsinki haben gezeigt, dass Vision Zero – das Ziel, keine Verkehrstoten mehr zu akzeptieren – keine Utopie ist. Sie ist eine Frage der Priorität.

Der Staat, sagt Perowanowitsch, sei natürlich nicht verpflichtet, uns vor uns selbst zu schützen. „Aber er ist verpflichtet, uns vor anderen zu schützen!“ Die Freiheit, ein paar Stundenkilometer schneller zu fahren, umhüllt von Blech, steht in keinem Verhältnis zur Freiheit, unversehrt nach Hause zu kommen.

Das Fahrrad ist systemrelevant

Doch bei aller Ernsthaftigkeit bleibt der Kern seines Denkens stets optimistisch. Er hat es ja mit eigenen Augen gesehen: Wandel ist möglich. Und wenn sich die Waage einmal in Bewegung setzt, kippt sie. Niemand möchte zurück in Busse, in denen geraucht wird. Niemand vermisst Smogtage, an denen Fenster geschlossen bleiben mussten. Städte gewöhnen sich an Lebensqualität – und geben sie freiwillig nicht mehr her.

Oft wird behauptet, die Niederlande seien eben eine Fahrradnation. Als läge es in ihrer Mentalität. Doch Studien zeigen: Menschen verhalten sich nicht kulturell, sondern rational. Wo sichere Infrastruktur vorhanden ist, wird sie genutzt. Wo sie fehlt, bleiben viele auf Distanz. Radfahren ist an sich keine Mutprobe – es wird dazu gemacht.

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Und genau hier liegt die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Das Fahrrad ist kein „nice to have“. Es ist systemrelevant. In vielen Städten bewahrt es den Verkehr vor dem Kollaps. Würden auch all jene, die täglich radeln, ins Auto steigen, wäre das Chaos perfekt.Das Fahrrad ist schnell genug für den Alltag und langsam genug für Wahrnehmung. Es benötigt wenig Raum und schafft Raum: Für Bäume, Cafétische und Begegnung.

Zugegeben, Paris, Utrecht oder Kopenhagen sind große Namen. Die Metropolen haben halt das Geld für den strukturellen Wandel, mosern die Zaudernden. Doch ihre Größe ist nicht der Punkt. Asphalt ist Asphalt – ob in der Millionenstadt oder im Mittelzentrum. Kreuzungen funktionieren überall gleich. Und die Sehnsucht nach Ruhe, Sicherheit und Aufenthaltsqualität ist keine Frage der Einwohnerzahl.

Mut zur urbanen Revolution!

Was in den genannten Metropolen gelungen ist, ist nicht ihren Moneten, sondern ihrem Mut zu verdanken. Und dieser Mut ist übertragbar, die Methoden nicht unbedingt teuer. Breitere Wege. Klarere Prioritäten. Wille zur Umverteilung. Wer einmal erlebt hat, wie sich eine Straße ohne Dauerrauschen anfühlt, versteht: Lebensqualität ist nicht abstrakt.

Vielleicht liegt der wahre Charme des Fahrrads nicht in seiner Effizienz. Sondern in seiner Maßstäblichkeit. Es zwingt Städte, menschlich zu bleiben. Und vielleicht beginnt jede urbane Revolution genau so: mit einem Bein über dem Sattel, einem Fuß auf dem Pedal – und der Entscheidung, dass es auch anders gehen kann.

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