Der Raublinger Filmemacher und Highliner Valentin Rapp begeht mit einem internationalen Team die wohl schönste Highline der Welt über den Angel Falls in Venezuela. Warum solche Träume nur gemeinsam gelingen.
Der Nebel hängt wie ein Schleier über dem Auyan Tepui, jener gewaltigen Tafelbergwand, die abrupt im grünen Nichts endet. Unter dem Scheitelpunkt wälzt sich ein Katarakt in die Tiefe – und nicht nur ein x-beliebiger! Die Angel Falls (oder Körepakupai Wena, wie sie von den indigenen Pemon Kamarakoto genannt werden) sind der höchste Wasserfall der Welt. Fast 1.000 Meter stürzen sich die Fluten hinunter, hinein in ein ohrenbetäubendes Rauschen. An diesem Tag spannt sich eine Slackline über den Wassersturz, 148 Meter lang, und Valentin Rapp, Filmemacher aus Raubling im Landkreis Rosenheim, steht an einem Ende dieses Bands, atmet tief ein und weiß: Das ist meine letzte Chance. Danach muss die Line abgebaut werden, der Abmarsch naht.
Über zehn Weltrekorde
Der 32-Jährige blickt kurz über die Schultern, das Team nickt ihm aufmunternd zu: Antonia Rüede-Passul, Highlinerin vom Bodensee; Jens Decke, passionierter Highliner und Ingenieur aus Kassel; Karl Schrader, Slackliner und Biologe aus Stralsund; Rafael Bridi, Profi-Highline-Athlet, Entrepreneur und einer der weltweit führenden Extremsprtler; sowie nicht zuletzt: Lukas Irmler, mit über zehn Guinness-Weltrekorden wahrlich ein Weltklasse-Highliner. Valentin beschriebt ihn, den Initiator dieses Abenteuers, als unglaublich zielstrebig und in gutem Maße ehrgeizig. „In erster Linie ist Lukas für mich seit vielen Jahren ein treuer Freund. Er ist bei fast allen größeren Projekten in der Vergangenheit der Kopf hinter der Geschichte und kommt immer wieder mit neuen, erstmal oft auch unglaublichen Ideen um die Ecke.“
Nach über einer Woche Anreise und zwei Tagen, an denen die anderen die Line bereits gemeister haben, drücken sie alle nun Valentin die Daumen. Man nickt sich zu, wortlos. Dann setzt Valentin den Fuß auf das Band, schiebt die Gedanken an seine eigentliche Aufgabe, das Filmen, beiseite, während am Horizont schon wieder diese dichten Wolken aufziehen, die schon einmal für Sichtverhältnisse wie in einem Dampfbad sorgten und das Team zur Untätigkeit verurteilten. „Jetzt oder nie!“, sagt er sich.
Slackline und Kamera
Dass er überhaupt hier steht – an einem der entlegensten Orte der Welt, auf der wohl schönsten Highline, die Menschen je betreten haben – hat mit einem Geschenk zu tun. Damals, im Garten des Elternhauses in Brannenburg, brachte ihm seine Mutter Petra – Sportjournalistin und in jeder freien Minute in den Bergen unterwegs – eine Slackline von einer Messe mit. Valentin spannte das Band zwischen zwei Bäume, stellte sich drauf und wusste: Das will ich können! Niemand ahnte, dass dieser Moment den Lauf seines weiteren Lebens bestimmen würde. Er selbst am wenigsten. Doch fortan übte er, balancierte, fiel, stieg wieder und wieder aufs Seil, mit derselben Mischung aus Ehrgeiz und Verspieltheit, die ihn bis heute antreibt. Bald stießen Freunde dazu, die genauso besessen waren von diesem merkwürdigen, wackligen Sport. Eine eingeschworene Clique bildete sich, mit der Valentin Jahre später in alle Himmelsrichtungen aufbrechen sollte – von den Bergen vor der Haustür bis ins ferne Venezuela. „Ich war immer der, der gefilmt hat“, erinnert sich Valentin. „Das war nicht geplant, es hat sich einfach ergeben. Aber wenn ich heute zurückblicke, war das wahrscheinlich der Anfang von allem.“
Was er beschreibt, ist der Anfang eines Werdegangs, der ihn in eine Münchner Produktionsfirma führte, in Arbeitstage voller Werbesets und Drehpläne – und wieder hinaus, zurück ins Draußen. Seit 2014 arbeitet Valentin freiberuflich als Filmemacher und Fotograf, mit Fokus auf Athlet:innen, Expeditionen und Orte, an denen man sich den Naturgewalten nicht entziehen kann. Festivals zeichnen seine Arbeiten aus, unter anderem mit dem internationalen Nachwuchspreis beim renommierten Bergfilm-Festival in Tegernsee. Doch egal, wie sehr sein Filmbusiness wächst: Das Highlinen bleibt sein Anker.
Die Expedition als Gewaltmarsch
Es ist eine Ironie dieser Geschichte, dass ausgerechnet die Expedition, die so lange in den Köpfen der Beteiligten gereift war, kurz vor Abflug zu scheitern drohte. Die anhaltende wirtschaftliche Krise und Instabilität Venezuelas sowie der hohe logistische Aufwand, um die extrem abgelegene Region im Südosten des Landes, zu erreichen, hatte ihnen ohnehin Respekt eingeflößt. Nun spitzte sich auch noch die politische Lage zu; die Beziehungen zu den USA waren angespannt, die Lage unvorhersehbar. Das Team haderte. Schließlich entschieden sie sich, das Vorhaben durchzuziehen. Und so reiste das Team los – nach Südamerika, in die Gran Sabana, in eine Landschaft aus endlosen Grasflächen und uralten Tafelbergen, hinein in ein Gebiet, in dem sich die Pfade so versteckt wie verwachsen durch den Dschungel schlängeln.
Der Weg zu den Angel Falls erweist sich als seelischer wie körperlicher Stresstest. Schlamm, Hitze, Mücken. Buschland, Sümpfe, Felslabyrinthe. Passagen, die sich über Nacht in Bäche verwandeln. Stundenlanges Marschieren, mit bleischwerem Rucksack auf dem Rücken. Die Sicht nimmt zu, dann wieder ab, Nebel weicht brütender Sonne. „Das Anstrengende war diese Kombination“, sagt Valentin. „Wenn man gerade dachte: Jetzt wirds leichter – kam das nächste Problem.“ Zum Glück unterstützten Guides der indigenen Pemon-Gemeinschaft den Trupp. Sie gaben Sicherheit, Orientierung – und nebenbei wertvolle Einblicke in ihre Kultur. Eine Lehrerin nahm sich extra frei, um das Team zu begleiten. Manche Einheimische empfanden die Tour als willkommene Alternative zu den riskanten Minenjobs, die in der Region viele Existenzen prägen. Gemeinsam marschierten sie sechs Tage lang. Bis sich der Dschungel endlich öffnete wie ein Vorhang.
Wie soll man den Moment beschreiben, als das Sextett den Felsvorsprung betrat und die Angel Falls vor ihnen ins Nichts donnerten? Diese Naturgewalt. Doch zum Staunen war die Zeit zu knapp. Im Rauschen des beeindruckenden Wasserfalls begann die eigentliche Arbeit: das Verankern und Spannen einer Highline, 1.000 Meter über dem Boden, 148 Meter lang – ein Weltrekord. Und ein unvergesslicher Anblick. „Wir halten die Konstrukion für die schönste Highline der Welt“, sagt Valentin. Zu Ehren der lokalen indigenen Bevölkerung taufte das Team die Line „Amanöm“, was in der Sprache der Pemon „die Schönste“ bedeutet.
Wenn Valentin über eine Highline spricht, klingt er immer ein bisschen schizophren. Er ist schließlich beides – Athlet und Filmemacher. Der eine braucht Fokus, Stille, inneres Sortieren. Der andere denkt in Einstellungen, Storylines, Lichtverhältnissen. Auf der Highline über den Angel Falls bringt er diese Rollen nicht leicht zusammen. „Ich muss umschalten“, sagt er. „Weg vom Filmemachen. Das ist schwerer, als man denkt.“ Seine ersten Versuche gelingen nicht. Er stürzt – gesichert, natürlich, aber jeder Sturz kostet Kraft und Selbstvertrauen. Und irgendwann wird klar: Die Zeit wird knapp. Bald muss die Line abgebaut werden. Nur ein letzter Versuch bleibt.
Persönlicher Best Walk
Wir sind wieder am Anfang. In dem Moment, in dem Valentin den Fuß auf die Slackline setzt und alles andere ausblendet. Am Ende schafft er den Walk, wie die anderen vor ihm auch schon. Drei Tage haben sie gebraucht, bis alle sechs Highliner:innen die Line erfolgreich und ohne Sturz überqueren konnten – trotz des widrigen Wetters, des immer wieder aufkommenden Nebels, der Wolken und der Windböen. Kein Wunder, dass alle wie beseelt sind von ihrer Leistung. „Die Energie dieses Ortes hat mir die Kraft gegeben, über mich hinauszuwachsen und meinen persönlichen Best Walk zu schaffen“, sagt etwa Antonia. Wie fühlte es sich für Valentin an?„Es war überwältigend“, sagt er. „Ich konnte allen Emotionen freien Lauf lassen.“
Oft dürsten Geschichten wie diese nach großen Botschaften. Hofft man auf tiefe Einsichten, Sinnfindungen. Doch Valentin hält nichts von Pathos im Sport. „Ich interpretiere nicht gern hinein“, sagt er. „Ich denke, es ist einfach eine gute Möglichkeit, seine eigenen Grenzen zu testen und sich Ziele zu setzen. Und es fühlt sich dann einfach gut an, wenn man sie erreicht.“ Persönliche Stärke misst er daran, wie sehr man fähig ist, sich selbst hintanzustellen. „Wenn jemand anderes Unterstützung braucht – am Berg, im Projekt – dann zeigt sich, was jemand kann.“
Was man selten erfährt: Solche extremen Projekte sind oft nicht nur ein Kampf gegen die Natur, sondern auch einer um funktionierende Technik. Feuchtigkeit kann Objektive schädigen, Akkus sterben, Drohnen crashen. Staub, Regen, Hitze, Zeitdruck – ein giftiger Cocktail, der das Filmen bedroht. „Versagen der Technik ist für mich das Frustrierendste überhaupt“, gibt Valentin zu. „Man kann viel vorbereiten, aber am Ende bist du manchmal nur Zuschauer, wenn etwas kaputtgeht.“
Und er selbst? Der Körper funktioniert weiter, weil er muss. Die Müdigkeit meldet sich erst, wenn alles vorbei ist. Erst nach der Expedition spürt er, dass seine eigenen Akkus leer sind. Vor Ort, während all der Strapazen, hilft eine Konstante: das Team. Die Kameradschaft, der Humor, das gegenseitige Vertrauen. Reibungen? Gab es kaum. „Wir ticken da alle ähnlich“, sagt Valentin. „Wir wollen etwas Großes schaffen, aber nicht um jeden Preis – und nie auf Kosten des anderen.“
Vielleicht ist es dieser Gedanke, der ihn als Filmemacher so besonders macht: dass er die Geschichten der anderen erzählt, ohne selbst ins Rampenlicht zu drängen. Er weiß: Oft gelingt das Größte nur gemeinsam – und doch findet jede:r darin etwas Eigenes. In seinem Fazit erlaubt er sich dann doch einen Hauch Pathos. „Das Highline-Projekt an den Angel Falls vereinte alles, was ich an großen Abenteuern liebe: Ungewissheit, Anstrengung, großartige Kameradschaft, atemberaubende Szenerien und viele Überraschungen.“