Zwischen Buenos Aires und dem Chiemgau: Wie zwei Argentinier ihre Leidenschaft für den Tango in einen alten Schmiedhof tragen – und dort mehr finden als nur Tanz.
„Schließe die Augen“, sagt Zoraida, „und folge mir“. Ich vertraue ihr und lasse mich blind durch den Tanzsaal führen. Mein linker Arm liegt auf ihrem, ihre rechte Hand berührt sacht mein Schulterblatt, während meine Rechte sanften Druck gegen ihre Linke ausübt und ich der Argentinierin damit signalisiere: „Ich bin da, ich höre zu.“
Tanzen, ohne zu denken
Unsere Körper sind in Kontakt, kommunizieren, während ich versuche, meinen Kopf auszuschalten und die Kontrolle abzugeben an die Musik und an Zoraidas Führung. Es ist ein schöner Moment, als ich spüre, dass es mir gelingt. Dass mein Verstand gar nicht wissen muss, wie ich die Füße setzen soll, ob‘s nun linksrum geht oder rechts. Als ich spüre, wohin Zoraida meinen Körper lenkt, der schon Tango tanzen kann, ohne dass ich davon gewusst hätte. Freilich, der Moment dauert nicht lang und schon bringe ich uns zwei beinah zum Stolpern, als ich mit dem falschen Bein zu kreuzen versuche.
Dennoch habe ich im Haus von Zoraida Fontclara, das ganz in der Nähe des historischen Viertels San Telmo liegt, eine Ahnung davon bekommen, was Tangotanzen im Innersten bedeutet – fernab aller Stereotype von biegsamen Frauenkörpern auf High Heels in hochgeschlitzten Kleidern und von Testosteron gesättigten Machomännern mit Gelfrisur und hochmütigem Kinn. „Tango“, sagt meine Lehrerin, „ist ehrlich, er legt dein inneres Wesen frei, deine Menschlichkeit und gleichzeitig gibt er zwei Seelen die Chance, einander wahrhaftig zu begegnen.“
Zoraidas Worte landen in meinem Notizblock, ich will später darüber nachdenken, ob ich sie verstehe. Doch die 62-Jährige insistiert: „Ich sage immer, ‚um uns kennenzulernen, müssen wir miteinander tanzen‘. Denn der Tango lässt dich alles wissen, alles verstehen. Möchte mein Partner einen Monolog führen, in den Dialog treten? Wie fühlt er sich? Gibt es eine Verbindung?“
Kreative Vielfalt am Schmiedhof
Während Zoraida in ihrer Geburtsstadt Einheimischen und Touristen tanzend und lehrend ein stückweit die Seele Argentiniens offenbart, wählt Julián Conesa 11.550 Kilometer Luftlinie vom Río de la Plata entfernt einen anderen Weg, um Gästen und Freund:innen seine Heimat näher zu bringen. Julián adressiert dafür die Geschmacksknospen, die zu jubeln beginnen, sobald die mit Rindfleisch, Chorizo oder Spinat gefüllten Empanadas auf meiner Zunge zergehen. Julián hat die dampfenden Teigtaschen nur wenige Minuten zuvor aus dem heißen Ofen gezogen. Wir sitzen am runden Tisch im Veranstaltungssaal des Schmiedhofs Wolfsberg bei Amerang, einen Katzensprung vom Chiemsee entfernt. In dem von einem Kamin wohlig beheizten Raum stand viele Jahrzehnte lang die Esse, an der seit 1875 vier Generationen von Schmieden ihre Feuer im Eisen hatten. „Als Julián 2008 die seit den 70ern ungenutzte Feuerstelle herausriss, um hier seine Schreinerei einzurichten, war das schon ein gewaltiger Akt“, erinnert sich Maria, seine damalige Vermieterin und heutige Frau. „Aber es war auch das lang ersehnte Ende des Dornröschenschlafs, in dem der Hof versunken war, seitdem der erste Mann meiner Mutter zehn Jahre vor meiner Geburt tragisch ums Leben gekommen war“, stellt die Hauswirtschafterin und Landwirtin fest.
Heute ist der wiedererwachte Schmiedhof nicht nur das Zuhause des Paares, das hier fünf inzwischen erwachsene Patchwork-Kinder großgezogen hat, sondern beherbergt auch einige Mieter, die als Yogalehrerin, Keramik- oder Modekünstlerin sowie als Rohkakao-Händler zur kreativen Vielfalt des Hofes am Wolfsberg beitragen. In zwei Ferienwohnungen oder unter knorrigen Bäumen im eigenen Camper oder Zelt können Gäste die naturverbundene, kreative Atmosphäre genießen, die Julián und Maria schaffen. Er, hauptsächlich als Schreiner und Restaurator, sie im Gemüsegarten und auf ihrem Obstanger, der lange Zeit brachlag, auf dem in diesen Tagen aber wieder Nuss-, Apfel-, Kastanien- und Birnbäume auf den Frühling warten. Für die Agroforst-Anlage und die Wildschutzhecke auf ihrem drei Hektar kleinen Biobetrieb kann das Paar auf die Hilfe einer eigensinnigen Schafsherde zählen.
Die Herde, die Zoraida immer freitagsnachmittags im Tanzstudio „El Beso“ unweit des legendären Teatro Colón versammelt, ist weniger eigenwillig als wissbegierig. Deutlich mehr Frauen als Männer, viele aus Argentinien, einige von weiter weg, üben während der Milonga (Tango-Tanzveranstaltung) des Abrazo Tango Clubs ihre Achter, Wiegeschritte und Tempowechsel, sie vertiefen ihre Praxis und sich selbst in die Musik und die Bewegung, die der elegante Schreittanz ihnen eingibt. Fortgeschrittenen mögen gewagtere Manöver gelingen, wie vielleicht der Gancho, bei dem sich die Beine der Tanzenden ineinander verhaken, oder die Sentada, wenn die Frau auf dem Bein des Tänzers kniet.
Begegnung mit Legende Pina Bausch
Doch das ist es nicht, was Zoraida Fontclara, die all diese Verzierungen und Figuren nach Jahrzehnten bald schon obsessiver Praxis mühelos beherrscht, am Tango interessiert. „Ich bin von der großen Bühne heruntergetreten“, erklärt die charmante Frau und es ist nicht Arroganz, sondern Bescheidenheit, die aus ihr spricht. An Angeboten, mit den bekanntesten Tangotänzern ihrer Zeit zu performen, in Europa und den USA auf Tournee zu gehen und zu unterrichten, hatte es der jungen Frau wahrlich nicht gemangelt, die von den Meistern der Goldenen Tango-Ära wie Juan Bruno, Carlos „Petróleo“ Estévez oder Mingo Pugliese ausgebildet worden war. „Aber Ruhm und Applaus bedeuten mir nicht genug, sie machen mich nicht glücklich“, beteuert die 62-Jährige, die als 24-Jährige auf ihrer ersten Europareise eine schicksalhafte Begegnung mit Ballett-Legende Pina Bausch hatte und die sich nach ihrer Rückkehr nach Buenos Aires auf die Suche nach „der eigenen tänzerischen Ausdrucksform für die Essenz des Lebens“ machte.
„Da trat der Tango in mein Leben. Natürlich, meine Eltern hatten ihn auf den Festen getanzt. Mein Vater ließ mich, als ich klein war, auf seine Schuhe steigen und auf seinen Füßen tanzen“, erinnert sich Zoraida, „doch als ich später, als ausgebildete klassische und zeitgenössische Tänzerin, den Tango entdeckte, hat er mich mit Haut und Haaren verschlungen. Ich übte damals jeden Tag, unterrichtete und tanzte die Nächte durch auf den Milongas. Geschlafen habe ich ein, zwei Stunden.“ Dann die Zäsur: Während eines Aufenthalts in Nordamerika erlitt Zoraida einen schweren Autounfall – „für einen Moment war ich tot“ –, der das Leben der vielversprechenden Tänzerin in ein Davor und ein Danach teilte. „Während ich mich fragte, warum ich diesen Unfall überlebt hatte, erklärte mir mein damaliger Freund und jetziger Mann Diego Álvaro, dass dies nicht die entscheidende Frage sei. Vielmehr solle ich fragen, zu welchem Zwecke ich überlebt hatte.“
Im Leben Julián Conesas hat es wiederum nicht diesen einen Wendepunkt gegeben. Vielmehr war der 1968 in Mar del Plata geborene Argentinier schon immer in Bewegung. „Mit 28 Tagen kam ich mit meinem Vater, der Fluggesellschaften aufbaute, nach Kanada. Weitere Stationen waren Lima, Buenos Aires und Bariloche in den Anden sowie Chile, wo ich Fischzucht studieren sollte.“ Als Jugendlicher hatte er mit einem Oldtimerhandel bereits zum Unterhalt der Familie beigetragen, nachdem der Vater durchgebrannt war. „Seit damals ist mein Motto, das Haus am Morgen in Unterhosen zu verlassen und am Abend im Anzug zurückzukehren“, sagt der Lebenskünstler in einer hochinteressanten Mundart, die bayrische Redewendungen mit spanischem Akzent mischt. Natürlich ist nicht immer alles glatt gegangen, so ist etwa die Beziehung zu seiner ersten Ehefrau, für die er nach Deutschland gekommen war, nach knapp 20 Jahren gescheitert. Doch Julián begegnet dem Leben mit einer satten Portion lateinamerikanischem Optimismus und einem hemdsärmeligen „Pack mas an!“.
Asado trifft auf Apfelkuchen
Mit Maria, Spross eines alten, oberbayerischen Hofes, ist Julián, der weltenbummelnde Südamerikaner, eine sich gegenseitig inspirierende Verbindung eingegangen, die sich am schmackhaftesten ausdrückt, wenn sie feiern. „Argentinischer Asado trifft auf bayerischen Apfelkuchen“, beschreibt es Julián. Doch nicht nur an Grill und Backofen zeigen die zwei, wie gut der Río-de-la-Plata-Flow zum Chiemsee-Vibe passt. Auch im Veranstaltungssaal, der an diesem Mittag Ende Februar unser Esszimmer ist, vermischen sich Einflüsse der Einen und des Anderen zu einem bunten Mix: Neben Yoga-Retreats, Ernährungsworkshops und dem Festival „Frauenzauber“ finden hier Tango-Konzerte statt und -Tanzveranstaltungen, eben solche Milongas, wie sie der Abrazo Tango Club anbietet. Eben hier ist Julián vor einigen Jahren auf einem Heimatbesuch in Buenos Aires Zoraida und Diego begegnet.
Diese hatte sich die Frage, zu welchem Zwecke sie wiedergeboren war, kurz nach dem Unfall selbst beantwortet. Sie würde Frauen und Männern, einzeln und als Paar, den Tango nahebringen. In Wort und Tat und Gefühl. „Ohne auf den großen Bühnen zu wirken, habe ich selbst doch auch etwas Entscheidendes zur Entwicklung des Tangos in Buenos Aires beigetragen“, erzählt Zoraida. Immerhin hat sie die Nachmittags-Milonga eingeführt. Das war im März 1996 in der Confitería Ideal. Der Aufforderung „Mach Diät, speise Tango!“ folgten Büroangestellte ebenso wie Hausfrauen und Rentner, die nicht spätabends ihrer Leidenschaft frönen wollten, sondern untertags. „Wir haben den Tango von seinen Stereotypen befreit. Aussehen und Kleidung sind weniger wichtig als Hingabe und Training“, erklärt Zoraida, die im März das 30-jährige Jubiläum ihres Abrazo Tango Clubs feiert sowie Zehnjähriges im Studio El Beso.
Während sich Tango als Nachmittagsvergnügung in Buenos Aires inzwischen etabliert habe, würde sich endlich auch die jüngere Generation wieder dem Tanz widmen, der Ende des 19. Jahrhunderts in den Hafenvierteln ihrer Stadt als Verschmelzung europäischer, afrikanischer und lateinamerikanischer Tänze geboren wurde und in den 1950er Jahren seine Hochzeit erlebt hatte. „Die Jungen erkennen wieder, dass Tango nichts Verstaubtes ist, sondern ein wunderbarer Weg, sich mit sich selbst und dem Gegenüber zu verbinden“, schwärmt Zoraida.
Da die Argentinierin und ihr Mann aber nicht nur daheim, sondern auch im Ausland der wachsenden Fangemeinde des Tangos unter die Arme greifen, war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie bei Julián und Maria unterrichten würden. Solange die Kinder klein waren, reiste Diego nach Amerang. Vergangenen September aber hat Zoraida mit drei weiteren Maestros erstmals den Schmiedhofer Veranstaltungsraum mit „Tango Leben“ erfüllt. Im kommenden Herbst steht die Wiederholung an. Wann genau, lest ihr bei uns online. Am 22. März laden Maria und Julián erst einmal zur Milonga mit dem Tango Power Trio ein und am 25. Mai, dem argentinischen Nationalfeiertag, zu Grill und Musik.
Spannendes „Hofleben“ findet man auch in Alter Gendarmerie und im Albererhof
Zoraida aber gibt mir auf dem Tanzparkett in Buenos Aires zum Abschied noch einen Gedanken mit auf den Weg: „Jeder Tangotanz hält ein Geschenk für dich bereit. Lass dich darauf ein, denn sein Herzstück ist die Improvisation, bei der zwei Menschen im selben Moment unterschiedliche Dinge ausprobieren auf so engem Raum, wie ihn nur eine Umarmung gibt.“ Das verstehe ich, ohne lang darüber nachzudenken.

