Drei kluge Köpfe im Chiemgau haben sich zusammengetan, um sichere Räume und Veranstaltungen nur für Frauen zu schaffen – und das kommt an.
Traunstein, ein Donnerstagabend Ende November. Rund 150 Frauen haben sich im Kulturforum Klosterkirche versammelt, um einem Vortrag dreier Spezialistinnen zu lauschen. Thema: „Hormone. Zyklus. Menopause.“ Ich sitze mittendrin – oder besser gesagt: am Rand. Neben mir sitzt Lisa, die in der Traunsteiner Unterstadt einen offenen Gemeinschaftsraum betreibt. Wir unterhalten uns über dies und das und sind uns sehr schnell einig, dass vor allem wir Frauen uns viel stärker gegenseitig unterstützen müssen. Damit erfüllen wir eine Aufgabe, die sich die Veranstalter:innen dieses und ähnlicher Abende auch auf die Fahne geschrieben haben: Wir netzwerken.
Heute sprechen eine Fachärztin für Frauenheilkunde, eine Heilpraktikerin und eine Ernährungstherapeutin. Die Vorträge sind bewusst niedrigschwellig gehalten, für jeden Wissensstand gemacht. „Wir wollen möglichst viele Frauen erreichen“, sagt Rebecca Gebler-Branch, Mitglied des Trios „MY.USCHI“, das die Veranstaltung organisiert hat. Und sie haben wesentlich mehr Frauen angelockt, als gedacht.
Angefangen hat alles im November 24 mit dem Gedanken, tanzen zu gehen, sich aufzuhübschen, zu feiern und trotzdem am Tag darauf einwandfrei funktionieren zu können, erzählt Rebecca. Und zwar nicht nur als Mama, sondern hauptsächlich als Frau. Da sie der Gedanke nicht losließ, unterbreitete sie ihn Holger Eschenmüller. Die Geschäftsleiterin einer Softwarefirma und der Wirtschaftsingenieur kennen sich über ihre Kinder und Rebecca weiß, wie umtriebig Holger ist, wenn es um Veranstaltungen geht. Er ist nebenberuflich DJ, organisiert Events und Infoveranstaltungen und ist generell gut in der Region vernetzt. Zum Dreigespann fehlte nur noch Anja Weisky, Innenarchitektin für Deutschlands größte Hotelkette, die nicht nur mit Holger aufgewachsen ist, sondern auch von der Idee sofort gepackt wurde. Also machten sie sich zu dritt an die Organisation der ersten „MY.USCHI is dancing“-Party in der Traunsteiner Festung: Tanzen nur für „Flintas“ (steht kurz für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nonbinäre, trans- und agender Peronen).
Brauchts des? Veranstaltungen nur für Frauen? Die Antwort ist einfach: Wenns das nicht bräuchte, dann gäbs das nicht. Selbst zunächst skeptische Besucherinnen waren am Ende der ersten Party komplett überzeugt vom Konzept. Manche betraten zu Beginn der Veranstaltung die Tanzfläche und verließen sie erst vier Stunden später wieder, völlig nassgeschwitzt; glücklich; gelöst.
Warum fühlen sich Frauen mit solchen Konzepten freier? Was passiert mit ihnen, wenn sie unter sich sind, einfach sein dürfen? Vielleicht ist die Frage nach dem „Warum“ aber gar nicht der Punkt. Oder nur einer unter vielen. „Frauen untereinander entwickeln eine Eigendynamik; ein großes, gegenseitiges Wohlwollen“, sagt Rebecca. Unter sich feierten die Ladys ausgelassen – sich selbst und die anderen anwesenden. Manche hatten sich gestyled, andere nicht – und es spielte keine Rolle. Es herrschte ein einziges großes Miteinander, kein Funke Konkurrenz war zu spüren. Die reiferen Semester – anfangs der eher zweifelnde Teil des Publikums – fühlten sich unheimlich befreit und zu keinem Zeitpunkt als „alte Schachteln“.
Warum wir für Gleichstellung mehr tun müssen
Dass sich Frauen in sogenannten „Safe Spaces“ ganz anders verhalten können, ist ein offenes Geheimnis. Fast jede Frau in Deutschland hat schon einmal einen Übergriff erlebt: von der verbalen Entgleisung bis hin zum tätlichen Angriff. Laut dem Bundeslagebild „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten 2024“ (veröffentlicht vom Bundeskriminalamt) stieg die Anzahl an Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden, im Vergleich zum Vorjahr um rund 3,5 Prozent. Im Bereich der politisch motivierten Kriminalität gegen Frauen verzeichnet das Bundeskriminalamt sogar einen Anstieg um rund 73 Prozent – wenig überraschend aus dem rechten Milieu. Der Erklärungsversuch auf der Website lässt aufhorchen. Demnach liege ein möglicher Erklärungsansatz für die Ursache dieser Gewalt „in einer ablehnenden Haltung gegenüber der Gleichberechtigung und Gleich-wertigkeit der Geschlechter.“ Diese Haltung sehe die traditionellen Rollenbilder bedroht, da die Emanzipation von Frauen als Gefahr für die vermeintlich „natürliche Ordnung“ aufgefasst werden könne.
Kurzum: Frauen nehmen sich Räume, die sie „früher“ nicht hatten, beschäftigen sich mit Themen, die lange als klassische „Männerdomänen“ galten und wollen plötzlich nicht mehr alleine für Familie und Haushalt verantwortlich sein. Frechheit, oder? Naja, zumindest scheint das ein bestimmtes Klientel so zu empfinden.
Anja, wie die gleichaltrige Rebecca vor kurzem zum zweiten Mal Mutter geworden, lebt seit rund vier Jahren wieder im Chiemgau. Nach unterschiedlichen Stationen kehrte die 39-Jährige mit ihrem Mann in heimische Gefilde zurückt, als sie nach der ersten Elternzeit zurück in den Job wollte. Sie fasst das Dilemma, vor dem Frauen stehen, ganz gut zusammen: „Nur mit Unterstützung der Großeltern können vielleicht beide Elternteile ein bisschen Karriere machen.“ Kita-Öffnungszeiten erlauben es nicht, Vollzeit zu arbeiten; das traditionelle Bild der Hausfrau und Mutter, die ihren Beruf hinter den des Mannes stellt und halbtags arbeiten geht, ist in ländlichen Regionen immer noch weit verbreitet. Diese Aufteilung sei nicht per se zu verteufeln, sagen die Drei. Im Gegenteil. Jede Familie solle das für sich selbst entscheiden dürfen und können. Und wenn sich Eltern dazu entscheiden, dass beide arbeiten möchten, dass beide im Job vorankommen wollen – dafür fehlt die Struktur. In der Stadt, aber noch mehr auf dem Land.
Die drei erkannten: Wenn man drüber spricht, Tanzevents für Frauen zu veranstalten, kommt man nicht umhin, die Veranstaltungen weiter zu denken und auch einen Informations-Charakter zu berücksichtigen. Und mit diesen Info-Veranstaltungen kommt auch das Netzwerken. Das, was Männer schon immer mit einer gewissen Selbstverständlichkeit tun: Eine Hand wäscht die andere, man kennt sich eben.
Damenwahl mal anders
Auf den Events stehen Gläser bereit, die mit möglichen künftigen Themen beschriftet sind. Je nach Wunsch können in diese Gläser dann bunte Steinchen eingeworfen und so Themen bestimmt werden. Nach dem Abend zur Menopause steht nun fest, dass recht früh im kommenden Jahr ein Abend zum Thema „Female Finance“ stattfinden wird. Finanzexpertinnen werden den Anwesenden dann erklären, was vor allem Frauen beim Thema Finanzen und Vorsorge beachten sollten – schließlich sind Frauen überdurchschnittlich häufig von Altersarmut bedroht und letztlich auch betroffen. Die sogenannte „Gender Pension Gap“ beträgt ohne Hinterbliebenen-Rente fast 40 Prozent! Mit genannter Rente erhalten Fauen immer noch stolze 27 Prozent weniger Rente als Männer (Quelle: Statistisches Bundesamt).
Alles, was MY.USCHI tut, ist auf Frauen ausgerichtet, weil Frauen andere Anforderungen an Veranstaltungen haben: Andere Uhrzeiten, andere Settings, andere Ansprache, andere Themen. Damit werden Räume für Frauen geschaffen, die sonst nicht da wären – eben weil die Gesellschaft noch nicht so weit ist und Frauen immer noch einen größeren Anteil der so genannten Care-Arbeit leisten. Auch wenn es immer mehr Männer wie Holger gibt, die ihrer Partnerin nicht nur „helfen“, sondern selbstverständlich die Hälfte von Haushalt und Kinderbetreuung übernehmen. In einer idealen Welt müsste es gar keine extra geschaffenen Räume geben, wäre Gleichstellung nichts, was man noch vorantreiben müsste, sondern gelebte Realität.
Für- statt Gegeneinander
Das fände Holger immens wichtig. Denn das Miteinander verändere sich dadurch ebenfalls. Vielleicht auch aus hormonellen Gründen, um das Thema des heutigen Abends aufzugreifen. Es kann nicht schaden, wenn auch ein Mann weiß, womit seine Frau gerade kämpft. Trotzdem zieht sich Holger taktvoll aus dem Vortrag zurück, nachdem sich die drei vorgestellt haben, um den Abend ganz den Frauen zu überlassen. Dem 38-jährigen Vater einer Tochter ist es wichtig, einen Beitrag zu leisten für ein besseres Miteinander und vielleicht auch ein kleines bisschen für eine bessere Gesellschaft sowie eine bessere Zukunft. Er glaubt übrigens nicht, dass Männer grundsätzlich das „schlechtere“ Geschlecht sind, keine:r der Anwesenden glaubt das. Er wünschte nur, dass Männer ruhig auch mal offensiver für Frauen einstehen, Rebecca ergänzt, dass sich da auch Frauen gegenseitig durchaus noch mehr unterstützen dürften.
Was die drei übrigens auch tun: Sie veranstalten nicht nur Events auf Spendenbasis, sie haben auch bei der ersten „MY.USCHI is dancing“-Party eine Tombola (unterstützt von vielen Traunsteiner Unternehmer:innen) durchgeführt. Den Erlös haben sie ans Frauenhaus gespendet – einen Ort, an den Frauen gehen, wenn es keinen anderen Ausweg mehr zu geben scheint. Bleibt noch die Frage nach diesem Namen. Ich habe das „y“ ehrlich gesagt beim ersten Mal überlesen. „Alles Absicht“, verraten die drei schmunzelnd. Es waren ein paar Gläser Wein im Spiel und aus dem despektierlichen „Uschi“ für Frauen und dem Kosenamen Edmund Stoibers für seine Frau wurde „MY.USCHI“. So einfach kanns sein.
Wunschgäste gibt es übrigens keine. „Jede Frau hätte viel zu erzählen“, sind sie sich einig. Und wer weiß, vielleicht erzählt Lisa vom Anfang dieser Geschichte ja eines Tages auch, wie sie das mit dem Raum so macht. Vielleicht erzählt sie es nur mir oder einer der anderen 148 Frauen, mit denen sie sich an diesem Abend vernetzen konnte. Fest steht, dass am 18. April wieder getanzt wird. Wieder in Traunstein, wieder in der Festung, wieder nur Flintas. Und vermutlich wird auch diese Party wieder ein Highlight wie besagter Novemberabend, an dem Rebecca beim Abschied und dem Anblick von 150 interessierten Frauen ein emotionales „ich bin echt überwältigt“ herausbringt.