Vom Hausbesetzer zum Gründer einer digitalen Demokratiebewegung: Mirko Lange will mit seiner NGO „Democracy Intelligence“ von München aus die Informationsflut einsortieren – und das Fundament unserer Gesellschaft schützen.


Westberlin, Anfang der 1980er-Jahre. Zehlendorf liegt weit unten im südwestlichen Arm der krakenförmigen Stadt-Silhouette. Kasernen, Headquarter und Wohnkomplexe der nach wie vor präsenten amerikanischen Truppen, daneben großzügige Grundstücke, Villen und weitläufige Grünflächen. Ruhig gehts zu, beschaulich. Hier verbringt Mirko Lange seine frühe Kindheit, ehe er in seinen wilden Jahren im deutlich mehr pulsierenden, anarchistischem Kreuzberg verbringt. Berlin in den 80ern war schon etwas Besonderes: Studierende, Wehrdienstverweigerer und Punks besetzen leerstehende Altbauten – einerseits, um sie vor der Abrissbirne zu bewahren, andererseits, weil sie keine andere Möglichkeit finden, ein Dach über dem Kopf zu bekommen. Auch Mirko Lange zieht damals durch diese Szene, durchdrungen vom Geist des Widerstands.  

Berufswunsch Bundeskanzler

„Rechtsbruch als zivilgesellschaftliches Mittel – das hat mich fasziniert“, erinnert er sich. Er empfand die Hausbesetzungen nicht als Form der Zerstörung, sondern als legitimes Mittel der Erhaltung und Instandsetzung. Wie die Geschichte lehrt, wurden in der Tat etliche Gebäude, die eigentlich dem Erdboden gleichgemacht werden sollten, gerettet. Was Mirko Langes Leben angeht: Damals ging es um Backstein, heute geht es ihm ums Fundament unserer Demokratie. Um dahin zu gelangen, wo er heute steht, hat er einen bemerkenswerten Weg zurückgelegt. 

„Manche Leute sagen, ich wäre cocky.“ Mirko Lange über sich selbst,
Fotos: Martin Leissl, fotograf-frankfurt.photo

Bundeskanzler wollte er eigentlich werden. Das sagt er heute halb scherzhaft, halb im Ernst. Auf jeden Fall begann er, Jura zu studieren, das hielt er für eine zielführende Strategie. Das erste Staatsexamen machte er schnell, mit Prädikat. Hinter dem juristischen Ehrgeiz steckte letztlich weniger das Streben nach Macht als vielmehr die Suche nach Gestaltungsfreiheit; nach Möglichkeiten, etwas zu bewegen. „Politik ist immer interessengeleitetes Handeln“, sagt er nüchtern. „Und Jura ist die Wissenschaft, wie man Interessenausgleich betreibt.“ Aber er ging weiter, mehr und mehr beschäftigten ihn philosophische Fragen: Wie funktioniert Wahrnehmung, was lenkt unser Verhalten, wie entstehen Überzeugungen?

Erkenntnisgewinn in Indien

Diese Fragen führten ihn nach Indien – auf der Suche nach mehr Bewusstheit, Achtsamkeit, vielleicht sogar Erleuchtung. In Ashrams, in Begegnungen mit spirituellen Lehrern und in langen Phasen der Meditation fand er etwas, das ihn bis heute trägt: Resilienz im Angesicht einer Welt, die zunehmend zu verrohen scheint. Sein Konzept der Selbstwirksamkeit unterscheidet sich jedoch stark von jenen, die man auf romantische Bildchen für einschlägige Kalender druckt. Lange pflegt die Überzeugung, dass Erkenntnis erst dann Wert hat, wenn sie ins Handeln mündet. „Wer die Nachrichten aushalten will, muss aktiv werden“, sagt er.

Zurück in Deutschland begann Lange, das zu systematisieren und zu konkretisieren. Er beschäftiget sich intensiv mit Neurobiologie und Konstruktivismus – mit den Mechanismen, die unsere Wahrnehmung formen. „Wir alle reagieren auf biochemische Algorithmen“, sagt er. „Doch das bedeutet auch: Wir können sie verstehen und steuern.“ Das erlangte Wissen setzt er zunächst in der Kommunikationsbranche ein: als PR-Fachmann, später als Gründer und langjähriger Geschäftsführer der Softwarefirma Scompler. In der Kommunikationsbranche gilt die Software als eine Art Standard für das Kommunikationsmanagement, das, was im Vertrieb Salesforce oder im Management SAP sind – wenn auch deutlich kleiner. Es geht immer darum, im Chaos zu bestehen, Komplexität zu strukturieren und letztendlich wirksam zu werden. Im Grunde schöpfte er also aus seiner Suche nach Ordnung im Chaos, nach Sinn im Informationswahnsinn ein erfolgreiches Geschäftsmodell. 

Mammutprojekt Democracy Intelligence

Der Kommunikationsstratege hat die Karriereleiter erklommen – um urplötzlich einfach abzuspringen. Nach Jahrzehnten in Wirtschaft und Beratung hat er sich vor ein paar Monaten aus dem operativen Geschäft von Scompler zurückgezogen. Statt weiter Skalierung und Wachstum voranzutreiben, wagte er den Sprung ins Ungewisse – und rief ein Mammutprojekt namens Democracy Intelligence ins Leben.

Der Feind, den Lange sich aufmacht, zu bekämpfen, geht subtiler vor als die „Polente“ damals, in Westberlin, mit ihren Knüppeln. „Über Meinungen kann man streiten, aber über Fakten nicht“, sagt er. Doch genau diese Grenze verwischt in den Echokammern sozialer Medien. Steve Bannon, einst Chefstratege Donald Trumps, prägte das – leider sehr erfolgreiche – Motto: „Flood the zone with shit“. Was er gemeint hat, sieht man heute überall, ob in den sogenannten sozialen oder in den etablierten Medien: Destruktive Kräfte überschwemmen die Kanäle mit so viel Desinformation, dass kaum jemand mehr Wahrheit von Lüge unterscheiden kann. Jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Trump zeigt im Grunde täglich, wie man eine Demokratie Schritt für Schritt in eine Diktatur umbaut – und die AfD kopiert die Taktik fast unbescholten hierzulande. 

Was tun? Wie gebieten wir dem diabolischen Treiben Einhalt? Langes Antwort: „Flood the zone with sense!“ Er arbeitet daran, den ganze „Shit“ mittels einer „Sinnflut“ aus dem Netz und aus den Köpfen zu spülen. Dafür hat er eigens eine NGO gegründet. Sie soll den Informationsraum mit Transparenz durchleuchten: faktenbasiert, nachvollziehbar, konstruktiv. Das Leitprinzip klingt einfach: „Ich gucke einfach nur: ist eine Aussage demokratisch konstruktiv oder demokratisch destruktiv?“ 

Kernstück von Langes in Wirklichkeit unfassbar ausgeklügeltem Konzept ist der TRUST-Score. Wie beim Nutri-Label, das man von Lebensmittelverpackungen aus dem Supermarkt kennt, sollen künftig politische Aussagen bewertet werden: auf einer gaz ähnlichen Skala, nur halt von sachlich korrekt bis destruktiv. Doch das ist nur die Spitze eines gewaltigen Systems. 

Gigantisches Analyse-Ökosystem

Democracy Intelligence baut eine ganze Plattform, die schon seit Monaten (und weiterhin täglich) Daten aus politischen Reden, Medien und sozialen Netzwerken in Echtzeit erfasst, einordnet und zugänglich macht – ein lernendes Analyse-Ökosystem. Die Kategorien reichen von falschen Tatsachen über Diffamierungen bis zu subtilen Framings. „Der Schaden entsteht lange, bevor ein Faktencheck greift“, erklärt Lange. „Darum müssen wir das Betriebssystem der Kommunikation verstehen, nicht nur ihre Oberfläche.“

Wenn Lange ins Erläutern gerät, spricht er wie ein Philosoph, der aber sichtlich um Bodenhaftung bemüht ist, um Verständnis. Seine „normativen Bezugssysteme“, wie er sie nennt, sind die freiheitlich-demokratische Grundordnung und die Menschenrechte. Beide sieht er nicht als theoretische Konstrukte an, sondern als das allgemeingültige Regelwerk, das die Gesellschaft am Laufen hält. „Demokratie ist Kommunikation. Und Politik bespielt die Themen, die uns alle gemeinsam angehen: Umwelt, Leben, Wohlbefinden, Wirtschaft, Demokratie, Gesellschaft und Seele.“

Ein neues Narrativ muss her!

So trocken das alles klingen mag, verliert Lange nie seine Leichtigkeit, seinen mitunter schwarzen Humor. Auch wenn er über ernste Gefahren spricht – von autoritären Tendenzen über die Macht der Algorithmen bis hin zu möglichen persönlichen Risiken – bleibt er gelassen. „Selbst wenn mich jemand erschießt, war es das wert“, sagt er. Ob seine Liebsten das auch so sehen? „Meine Mutter hat mir früher ein Schnitzel um den Hals gehängt, damit wenigstens die Hunde mit mir spielen“, antwortet er lachend. Sein Auftreten passt zu dieser Attitüde. Er ähnelt ein wenig dem Schauspieler Jeff Bridges, die Lederjacke könnte ein Statement sein. „Manche Leute sagen, ich wäre cocky“, sagt er grinsend. 

Sein Lebensmotto spiegelt das durchaus wider: „Geht nicht, gibt’s nicht. Lieber nach den Sternen zielen und auf dem Mond landen, als nach dem Mond zielen und auf der Nase landen.“ Angst vor dem Scheitern? „Habe ich nie!“ Darf er auch nicht haben, immerhin investiert er einen Millionenbetrag aus eigener Tasche in das Unterfangen – und träumt groß, richtig groß: Innerhalb von zwei Jahren sollen bis zu 300 Mitarbeitende an Bord kommen. Das jährliches Zielbudget macht er bei rund 30 Millionen Euro fest, die er aus Eigenmitteln, Crowdfunding, Stiftungen und Philanthrop:innenhand generieren will.

Was ist das Ziel dieser ambitionierten Mission? Letzten Endes geht wohl nicht um Kontrolle, sondern um Ermächtigung. „Wir sind gar nicht so gespalten“, sagt Lange. Vielmehr dürste die Gesellschaft geradezu nach einer neuen Erzählung, einer optimistischen, einer einigenden. Sein Optimismus ist auf jeden Fall ansteckend. Es leuchtet ja auch ein: Wenn wir verstehen, wie Sprache und Narrative wirken, können wir die Manipulation entlarven – und (das Vertrauen in) die Demokratie wieder stärken. Diese Erzählung macht jedenfalls Hoffnung: wie ein ehemaliger Hausbesetzer sich aufschwingt zum Architekten einer neuen, aufgeklärten digitalen Öffentlichkeit. Früher rettete er Häuser. Heute will er die Demokratie retten. Und er tut das auf seine Weise: mit Lederjacke, Klartext und einer wohltuenden Sinnflut.

democracy-intelligence.de