Corinna und Benedikt Fuhrmann bieten als „Rosen & Kohl“ nicht nur veganes Catering, Koch- und Fermentationskurse sowie Ernährungswissen. Wer das Glück hat, die beiden zu treffen, geht satt und beseelt nach Hause. 

Es gibt Geschichten, die kann man nicht vom Anfang her erzählen. Die sind so ungewöhnlich, dass man sie besser von hinten aufrollt, um gleich zu Beginn zu zeigen, wo der oder die Erzählende hin will. Die Schleifen, Kurven und Ausfahrten, die sonst warten, überfordern und lassen die Lesenden mit Fragezeichen über den Köpfen zurück. So eine Geschichte ist die von Corinna und Benedikt Fuhrmann, auch bekannt als „Rosen & Kohl“, wobei niemand ausgewiesen Rose oder Kohl ist. Obwohl sie beiden Begriffen durchweg Positives zuschreiben. Beide lieben Rosen (vor allem in pink) und Kohl, der in allen Arten ein fantastisches Gemüse ist und sich hervorragend zum Fermentieren eignet; vom Rosenkohl an sich sind beide ebenfalls Fans. „Rosen & Kohl“ steht für veganes Catering, vegane Kochkurse und die Vermittlung der Grundlagen veganer Ernährung. Teils in Oberbayern, teils online – und teils auf ihrem freistehenden und von sämtlichen Versorgungsnetzen abgeschnittenen Hof unter der Sonne Italiens. Doch damit wären wir eigentlich schon am Ende der Geschichte. Und doch auch nicht. Beginnen wir also neu – mit Corinna. 

Corinna ist ursprünglich Floristmeisterin. Trotz der Kulinarik liebt sie Blumen wie seit jeher.
Fotos: Benedikt Fuhrmann

Corinna:

Die Floristmeisterin arbeitete erst gemeinsam mit der Mama im familieneigenen Blumenladen in Rosenheim und machte sich dann mit eigenem Laden in Bad Tölz selbstständig. Wie das so ist: Die Eltern habens so gemacht, also stellt auch Corinna ihre Berufswahl niemals in Frage. Sie hat Spaß am kreativen Schaffen, sie liebt ihren Beruf. Klar ist sie manchmal gestresst, natürlich zollt die Selbstständigkeit Tribut. Aber das macht man eben so, denkt sie. Und was denkt er?

Benedikt:

Kommunikationsspezialist Benedikt lebte schon immer eher spontan und frei. Sein Studium hat er nach dem Vordiplom für beendet erklärt. Er kaufte sich erst eine Videokamera, dann einen ordentlichen Fotoapparat und so schnell, wie er gar nicht schauen konnte, war er selbstständig, hatte (große) Kunden und die forderten immer mehr Produkte und Dienstleistungen. Er arbeitete (viel) und sobald er Geld beisammen hatte, ging er auf Reisen (auch viel). Über zehn Jahre lang handhabte er das so. Bis er Corinna traf.

Und es hat „zoom“ gemacht

Die beiden lernen sich 2008 kennen. Drei Monate später heiraten sie. „Völlig verrückt!“, mag man da vielleicht denken – „komplett verrückt“, bestätigen Fuhrmanns. Vor allem: Benedikt begab sich zwischenzeitlich noch einmal für fünf Wochen zum Meditieren in die Wüste Ägyptens. „Eine Garantie, dass es klappt, bekommst Du eh nie. Also wieso nicht einfach machen?“, sagt Benedikt, und Corinna ergänzt: „Es ist seltsam. Man lernt jemanden kennen und weiß: Das ist jetzt dein Partner.“ Sie heiraten zunächst alleine zu zweit, ein Jahr später folgt die volle Party-Dröhnung mit 200 Gästen.

„Rosen & Kohl“ entsteht

2013 legt sich bei Corinna im Kopf ein Schalter um. Sie stupst Benedikt an und sagt: „Jetzt wird‘s Zeit für was Neues!“ Benedikt, ohnehin ein spontaner Typ, ist sofort dabei. Er hat seine Frau ja ohnehin immer wieder mal gefragt, ob sie den Stress wirklich will. Das Paar nimmt sich eine Auszeit, reist, überlegt. Und Corinna merkt: Da schwelt ein Funke, der zum Feuer entfacht werden will. Zunächst beginnen beide, sich vegan zu ernähren. Besonders Corinna interessiert sich immer mehr für vegane Ernährung. Sie spürt, wie der abfallende Stress der Selbstständigkeit dafür sorgt, dass sie besser mit sich umgeht, mehr kocht, freundlicher zu sich ist. Sie meldet sich für eine Ausbildung zum „Plant-based chef and nutritionist“ an – vegane Köchin und Ernährungsberaterin.

<

„Anfangs hat Corinna wahnsinnig viel herumprobiert, viele komplizierte Sachen versucht“, sagt Benedikt. „Man kann ja Pfannkuchen, Kaiserschmarrn, die tollen Soßen nicht mehr so zubereiten wie zuvor“, sagt Corinna. Das musste sie sich alles neu erarbeiten. Und das klappte. Hinzukommt: Beide empfangen gerne Gäste. Auch dabei hieß es ab sofort: bei uns gibts vegan. Und genauso wie erfolgreiche Aufträge Benedikt zu Beginn seiner Selbstständigkeit „überraschten“, überrascht der Erfolg nun das Duo. Plötzlich werden sie gefragt, ob sie nicht bei diesem Retreat kochen oder für jene Veranstaltung das Catering übernehmen wollen. Ob sie 50 Menschen bekochen oder 200 – sie geben immer 100 Prozent.

Kaum zu glauben: Der erste große Auftrag

Am meisten gelernt haben sie, wie sie sagen, an der Ostsee. Benedikt hatte eine Website erstellt, darüber kam eine Anfrage herein, ob Corinna nicht für 100 Leute über zwei Wochen an der Ostsee kochen wolle. „Ich dachte, da will mich jemand verkohlen.“ Wollte niemand, die Anfrage war real. Corinna kocht mit Benedikt und sechs Helfer*innen mit selbst gepflückten Früchten und Gemüse aus dem Garten. Alles wird von Hand gemacht, geschält, geschnitten, zwei Wochen am Stück, morgens bis abends, keine Pause. Und sie machen das nicht nur einmal, sondern mehrfach. Corinna feilt an ihrer Kulinark, gleichzeitig richtet sie so an und dekoriert, dass das Auge im Wortsinne mitessen kann. Alles fügt sich, die Flamme lodert. Sie werden für immer mehr Caterings gebucht, Corinnas Kochkunst spricht sich herum. 

<

Vegan ohne Zwang, aber mit Pfiff

Neben den Caterings (von denen sie mittlerweile nur mehr ein paar große pro Jahr übernehmen) rücken auch Kurse und Workshops in den Fokus. „Für eine vegane Hochzeit sind wir im Grunde eine Woche voll beschäftigt.“ Sie besuchen die Obst- und Gemüsehändler*innen ihres Vertrauens, suchen die besten Waren aus, schälen selbst, bereiten von der Vorspeise bis zum Dessert alles selbst zu, kochen Soßen ein. Sie achten darauf, dass alles saisonal und regional ist. „Am schönsten sind für mich tatsächlich gemischte Hochzeiten,“, sagt Benedikt. „Wir steuern veganes Essen bei, aber es besteht die Möglichkeit, gutes Fleisch dazuzunehmen.“ Sie sind keine veganen Hardliner. Niemand wird bekehrt oder muss sich Vorträge über die Vorteile des Veganismus anhören – außer, man fragt danach. Dann kann Benedikt fast Feuer fangen, leidenschaftlich über den ethischen Aspekt der veganen Ernährung dozieren. „Die Auswirkungen, die es hätte, wenn alle Menschen auf der Erde vegan äßen, sind nahezu unvorstellbar groß“, sagt er – aber das lässt man sich am besten persönlich erklären.

Rosen & Kohl in Bella Italia

Begeben wir uns stattdessen nach Italien, auf den Hof, den Corinna und Benedikt gekauft haben. Auf einem Hügel gelegen, weit ab „vom Schuss“, wie man so schön sagt. Ohne Strom- und Wasseranschluss. Und so märchenhaft die Geschichte von Corinna und Benedikt klingt, hat auch dieser Hof seine besondere Vergangenheit und sein bewegtes Leben. Man erzählt sich, früher, lange vor den Fuhrmanns, hätten dort legendäre Maronifeste stattgefunden, die es in weiten Teilen der Toskana auch heute noch gibt. Es wurde gegessen, gelacht und getanzt. Die beiden haben noch kein ganzes Jahr auf dem Hof gelebt, da schälte sich eine betagte Dame vom Beifahrersitz eines Autos, entschuldigte sich auf Italienisch für die Störung und bat, den Hof noch einmal besichtigen zu dürfen. Sie habe hier ihre glücklichsten Zeiten erlebt.  „Das macht schon demütig“, sagen die neuen Eigentümer*innen. „Letztlich haben wir uns auf einen Platz gesetzt, der so viel länger existiert als wir. Wir gehören dem Hof, nicht andersherum.“

Hier leben sie nun im Einklang mit der Natur, mit der Sonne und mit den Jahreszeiten. „Wir bekommen viel Besuch, vor allem jetzt in der Umbauphase.“ Viele helfende Hände und Handwerker*innen, die sie gerne versorgen. Corinna bekocht die Meute mit viel Elan. Sie geht in die Speisekammer und schaut, „was dran ist.“ Die kleine Photovoltaikanlage sorgt für elektrische Unterstützung, aber Herzstück ist ein Holzofen, in dem auch Pizza gebacken wird. „Schließlich bin ich nur wegen der Pizza nach Italien gegangen“, scherzt Benedikt. Im Winter dient der Pizzaofen als Heizung, gekocht wird mit Gas. „Wenn man abends nach einem harten Tagwerk eine heiße Dusche nehmen kann, ist das wirklich ein ganz anderes Level von Glück“, schwärmt Corinna. „Es klingt absurd, aber wir fühlen uns dort so viel reicher als früher“, ergänzt Benedikt.

Eindrücke vom Hof:

<

Der 46-Jährige weiß, wovon er spricht. Er war jahrelang in der Weltgeschichte unterwegs, hat Formen der Armut kennengelernt, wie wir Mittel-Europäer*innen sie uns gar nicht vorstellen können. „Einmal habe ich mich im Iran mit einem Hirten ‚unterhalten‘. Nach dem Austausch von Floskeln, die ich mit meinem schlechten Persisch gerade so hinbekommen habe, war die Sprache zwar ‚aus‘. Wir kommunizierten trotzdem weiter. Und ich habe so viel Glück in seinen Augen und seinen Gesten gesehen, dass ich danach in meinem Auto saß und gar nicht wusste, womit ich das alles überhaupt verdient habe.“ Unschwer erkennbar ist Benedikt der Idealist bei „Rosen & Kohl“ – wenn auch ein bodenständiger Idealist, der ohne Belehrungsauftrag durch die Welt geht. Wer fragt, dem sei geantwortet. Man mag es kaum glauben, dass er einmal drei Monate in einem strengen thailändischen Schweigekloster verbracht hat. An ihrem Hof schätzen sie heute beide die Möglichkeit, auch  Zeit alleine verbringen zu können. „Alleine in meinem Garten, das ist für mich ein Ausdruck von Glück“, sagt Corinna, „von Freiheit. Mit einem traumhaften Ausblick vom Berg.“

Einsam ist nicht gleich einsam

Am Ausblick alleine kann es aber nicht liegen, dass sich Menschen angezogen fühlen und Fuhrmanns im ersten halben Jahr, in dem sie den Hof „hüten“, wie sie es nennen, schon knapp 50 Leute beherbergt haben. „Das ist einfach so passiert, die kamen irgendwie über Instagram“, scherzt das Paar  „Einfach so passiert“ ist eine Phrase, die häufig fällt in diesem Gespräch. Es scheint, als sei der Erfolg nicht wirklich geplant gewesen – noch nie; sondern aus der Verbindung zwischen diesen beiden Menschen geboren. Als sei es das Universum, das sich dachte: „Ach ja, diese zwei Seelen, die brauche ich.“ Sie empfangen Gäste aus den USA, aus Kolumbien, natürlich aus dem bayerischen Freundeskreis. Menschen, die man sonst selten sieht. Und alle stellen sie die gleiche Frage: „Wunderschön! Aber ist das hier nicht fürchterlich einsam?“ Und wie aus einem Munde tönt es: „Einsam ja, fürchterlich auf keinen Fall.“ Sie genießen die „Auszeit“ am Hof. Man ahnt: Der Hof hat sich die Zwei ausgesucht. Nicht umgekehrt. 

Altes Handwerk, neuer Anstrich

Fermentation ist ein altes Handwerk, das Rosen & Kohl lehren
Fermentation gehört mittlerweile fest in Corinnas Repertoire. In der eigenen Küche, aber auch bei den Workshops und Kursen.
Fotos: Benedikt Fuhrmann

Ihre Kurse geben Corinna und Benedikt sowohl in Persona als auch online. Zu den Ernährungs- und Koch-Kursen haben sich Fermentationskurse gesellt. Fermentation wird seit tausenden von Jahren angewendet und ist viel mehr als das bloße Haltbarmachen von Lebensmitteln. Es entstehen völlig neue und eigenständige Geschmäcker und Nahrungsmittel wie Sojasauce, Miso oder das klassische Sauerteigbrot. Das alles stellt Corinna natürlich auch selbst her. Sie hat es im Rahmen ihrer Ausbildung gelernt und ist Feuer und Flamme für die Vielseitigkeit, die einerseits das Gemüse (oder, einfacher, der Rohstoff) erfährt, andererseits auch die Ernährung. Und dabei sind die (modernen) Klassiker wie Sauerkraut oder Kimchi natürlich mitgemeint.

Auf den Geschmack gekommen? Hier gibt’s auf kurzem Wege Rezepte von Razykitchen

Ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Irgendwie fangen sie gerade erst an, hat man so den Eindruck. „Mei, vielleicht verändern wir uns nochmal“, sagt Benedikt. Sie sind ja auch noch jung, gerade mal Mitte Vierzig. Da kann noch viel kommen. Und das wird es: Wenn man sich mit Corinna und Benedikt unterhält, hat man schon währenddessen das Gefühl, viel gelernt zu haben. Vor allem über Respekt der Natur gegenüber. Und der hat noch niemandem geschadet.