Der 22-jährige Oberbayer gilt als eines der spannendsten Talente im Skibergsteigen. Eine Begegnung zwischen Morgengrauen, Materialfeinschliff und einer Sportart, die 2026 ihr olympisches Debüt feiert.
Der Atem steigt in kleinen Wolken auf, die Stirnlampen werfen flache Lichtkegel über den Hang. Es ist früh am Morgen, so früh, dass selbst die Lifte noch schlafen. Auf der hart gefrorenen Schneefläche schiebt sich eine kleine Gruppe Schritt für Schritt bergauf. Vorn setzt ein Athlet die Stöcke mit einer Entschlossenheit, die kaum mit der frühen Stunde vereinbar scheint. Oben angekommen: ein kurzer Stopp, ein Ruck an den Fellen, ein paar blitzschnelle Handgriffe an der Bindung – und schon stürzt er sich in die Abfahrt. Die Sequenz dauert nur Sekunden. Doch genau diese Sekunden könnten darüber entscheiden, ob Finn Hösch im Februar 2026 im olympischen Finale steht. Und ob aus dem großen Traum Geschichte wird. „Ich möchte bei Olympia nicht nur dabei sein, sondern auch vorne mitlaufen“, sagt er. „Das Ziel ist das Finale – und dort ist alles möglich!“
Skibergsteigen – Skimo, wie die internationale Abkürzung lautet –, ist die Wettkampfform des Skitourengehens. Der Sport vereint steile Aufstiege, eine kurze Tragepassage, schnelle Wechsel und eine finale Abfahrt. Die Distanzen sind kurz, die Intensität ist enorm. Mehr als 600.000 Menschen gehen in Deutschland regelmäßig auf Skitour, schätzt der DAV; viele steigen nicht mehr nur im freien Gelände auf, sondern entlang präparierter Pisten. Die Zahl der Aktiven hat sich in den vergangenen 20 Jahren etwa verdreifacht – ein Boom, der sich in Ländern wie Österreich und der Schweiz ähnlich verhält. Doch nur eine Handvoll betreibt das Ganze als Leistungssport. „In Deutschland ist das eine sehr kleine Gemeinde“, heißt es beim Deutschen Alpenverein, der den Nationalkader betreut. Rund 16 Athletinnen und Athleten umfasst dieser momentan.
Drei Wettbewerbe bei Olympia
2026 betritt die Disziplin erstmals die große Bühne: Skibergsteigen wird Olympiasport. Ausgetragen werden drei Wettbewerbe – Sprint Männer, Sprint Frauen und die Mixed-Staffel. Kurze, explosive Rennen, bei denen die Runden im Sprint gerade einmal drei bis vier Minuten dauern. Im Gegensatz zu klassischen Skitouren, die über Stunden gehen können, basiert der Sprint auf Präzision. Der Start ist ein Kraftakt, die Tragepassage verlangt Koordination, die Abfahrt Kontrolle. Und dazwischen liegen jene Transitions, die Sekundenfresser und Chancenbringer zugleich sind – ähnlich dem Reifenwechsel bei der Formel 1. „Du musst in den Wechseln ruhig bleiben, egal wie viel Adrenalin in dir steckt“, sagt Finn.
Geboren 2003 in München, bekommt Finn früh ene Affinität zu den Bergen eingepflanzt. „Meine Eltern haben mich immer in die Berge mitgenommen“, erzählt er. Er lernt früh Skifahren, findet später über die DAV-Sektion Bergland zum sportlichen Tourengehen. Schon in seinen Jugendjahren fällt seine schnelle Entwicklung auf: 2020 startet er bei den Olympischen Jugend-Winterspielen in Lausanne, erzielt dort Top-10-Ergebnisse im Sprint und im Einzel und wird Fünfter in der Mixed-Staffel. Es folgen U20-Weltmeistertitel im Sprint, starke Platzierungen bei Weltcups, der FISU-Goldlauf 2025. Seit 2018 gehört er zum Dynafit-Athlet:innenenteam, seit einigen Jahren ist er Teil der Sportfördergruppe der Bundeswehr. 2025 hat er sein Studium an der Technischen Universität München abgeschlossen – ein Fundament für die Zeit abseits der Rennstrecken.
Erfolge, die sich in ein erstaunlich bescheidenes Selbstbild einfügen. Finn wirkt konzentriert, aber nicht verbissen. Freundlich, ohne Anflug von Arroganz. Einer, der seinen Sport ernst nimmt, aber ihm nicht alles unterordnet „Ich bin einfach sehr gern in Bewegung“, sagt er. „Das war schon immer so.“ Und beweglich muss er auch sein. Von außen mag der Sprint im Skibergsteigen simpel aussehen: ein kurzer Aufstieg, Ski schultern, weitergehen, Felle runter, Abfahrt. In Wahrheit ist es ein hochkomplexes Puzzle. Die Ski sind extrem leicht und schmal, die Schuhe aus Karbon gefertigt, die Bindung darauf optimiert, sich schnell schließen und öffnen zu lassen. „Du kommst oben an, und ein, zwei Schritte vorher bist du im Kopf schon beim Wechsel. Das muss automatisiert und fließend ablaufen.“ Alle Bewegungen greifen ineinander wie kleine Zahnräder. Ein Fell, das nicht sauber greift, ein Stock, der hängen bleibt – und schon bist du aus dem Rennen ums Treppchen. Sein Materialpartner Dynafit spielt dabei eine Rolle, die weniger mit bloßem Sponsering zu tun hat als mit technischer Präzision.
In der Speed Factory in Kiefersfelden testet Finn regelmäßig Prototypen, arbeitet mit dem Entwicklerteam an Details und Anpassungen. „Die Ausrüstung muss intuitiv funktionieren“, sagt er. „Gerade im Sprint, wo jede Sekunde zählt.“ Die Speed Factory ist einer dieser Orte, an denen Bergsport und Ingenieurskunst zusammenfließen: gläserne Werkstätten, Materialtests, ein Store, ein Repair Center. Für Finn ist sie aber vor allem ein funktionales Stück Infrastruktur – ein Werkzeugkasten auf dem Weg nach Bormio.
Der Boom rund um das Skitourengehen wird nicht von allen mit Begeisterung betrachtet. Manche Traditionalist:innen sehen die Olympisierung kritisch. Ihnen gilt Skibergsteigen als Freiheitsdisziplin, als Sport zwischen Firnfeldern und Gratkanten – nicht zwischen Absperrgittern und Kameratürmen. Auch die Entscheidung, die Königsdisziplin „Individual“ vorerst nicht olympisch zu machen, wird kontrovers diskutiert. Das Individual bildet am ehesten das ursprüngliche Skitourengehen ab: mehrere Anstiege, Abfahrten, oft im freien Gelände, meist stundenlang. Finn versteht die Diskussion, ohne sich von ihr einfangen zu lassen. Er will seinen Fokus nicht verlieren. „Es ist ein großer Schritt für den Sport. Und ich glaube, dass die Olympia-Formate zeigen können, wie vielseitig Skibergsteigen ist.“
Wer Finn im Winter am Berg erlebt, kann sich kaum vorstellen, dass er einige Monate später in München an einer stehenden Welle balanciert. Surfen am Eisbach ist sein Kontrastprogramm, ein lässiger Ausgleich. „Du hast keine Pulsuhr, keinen Plan“, sagt er. „Du willst einfach die Welle gut erwischen.“ Timing, Balance, Körperspannung – überträgt sich das auf den Berg? „Vielleicht unbewusst. Es tut einfach gut, auch mal etwas ganz anderes zu machen.“ Das Bild passt: Ein Athlet, dessen Sport von Effizienz lebt, findet Erholung in einer gleitend-eleganten Bewegung am Fleck.
Die olympischen Skimo-Wettbewerbe werden 2026 auf der Stelvio-Abfahrt in Bormio ausgetragen. Dort, wo sonst Abfahrtsprofis mit enormem Tempo Richtung Tal donnern, werden dann Athletinnen und Athleten wie Finn über kurze, gnadenlose Runden jagen. Bis dahin warten Qualifikationsrennen, Weltcups, Materialtests – und noch viele dieser frühen Morgen, in denen nur die Stirnlampen leuchten und die Schritte in den Schnee knirschen.