Fünf Jungs aus Rosenheim mischen mit ehrlichem Indie-Rock die deutsche Poplandschaft auf – mit Reibeisenstimme, zeitgemäßem Sound und schweißtreibender Social-Media-Action.
Draußen, vor der Fensterfront, wabert eine Nebelsuppe durch das Gewerbegebiet, in dem der Proberaum der fünf Musiker liegt. Sie hausieren in einem arg vernachlässigten Gebäude, das einmal ein Möbelhaus beherbergt hat, heute aber eher wie einer jener Lost Places wirkt, die gerne als Kulisse für Horrorfilme herhalten müssen. Ein düsteres Treppenhaus, zerschlissene Teppiche, ein ganzes Stockwerk voller vergessenem Elektroschrott, hier und da hängen Kabel aus der Decke. Und ganz oben: das Domizil von Kaffkiez, eine Oase der Heimeligkeit inmitten des Zerfalls. Perserteppiche, eine Art Lounge-Ecke mit Couch, Sessel und Spielekonsole, an den Wänden schicke Schallabsorber in Holzoptik, ein Schwarz-Weiß-Poster von einem Konzert; in einer Ecke die Instrumente, emporragend aus einem undurchschaubaren Kabelgewirr, am anderen Ende ein Klavier. In dieser Kulisse empfangen uns drei der fünf Bandmitglieder: Johannes (Eisna) Eisner, Johannes (Gotti) Gottwald und Benedikt Vodermaier. Hinter ihnen liegen lange Tage und Nächte im Berliner Studio.
Erst am Vortag haben sie buchstäblich den letzten Ton fürs neue Album eingespielt. Eisna ist direkt vom Zug zu unserem Termin gehetzt. Sie wirken erschöpft, beseelt und aufgekratzt zugleich, gucken müde und aufmerksam zugleich unter ihren Beanies hervor. „Jetzt geht die richtige Arbeit ja erst los“, schnauft Gotti. Denn nun gelte es, alles hundertmal anzuhören, zu editieren, zu mixen und zu mastern und jede Menge Gedöns zu erledigen, das erst auf den zweiten Blick mit Musik zu tun hat: grafische Sachen zum Beispiel. „Wir bringen diesmal auch eine richtig geile Splatter-Scheibe raus“, sagt Eisna. Er spricht von einer besonderen Art der Vinyl-Herstellung, bei der während des Pressvorgangs Pellets mit unterschiedlichen Farben gemischt werden. Wie genau die neue Kaffkiez-Platte aussehen wird, verrät er zwar noch nicht, aber er verspricht ein visuelles Spektakel. Tja, und dann muss das Ding halt erscheinen und bestenfalls ähnlich gut performen wie das Vorgänger-Album, mit dem diese fünf Burschen aus dem Raum Rosenheim immerhin auf Platz 3 der Charts geklettert sind – schon Wahnsinn, wenn man an ihre Anfänge zurückdenkt; wenn man sich vergegenwärtigt, dass sie fast schon das Handtuch geschmissen hätten.
„Unser erster Proberaum hatte mehr Schimmel als Fenster“, erinnert sich Gotti. „Aber er war halt frei.“ Damals nannten sie sich noch Maybe. 2012 war das. Sie spielten Coversongs, probten in Bad Endorf. Die beiden Johannes kannten sich schon lange aus der Schule, waren eng befreundet, später stießen Niklas Mayer an den Drums, Gitarrist Florian Weinberger und Bassist Benedikt Vodermaier dazu. Die Fünf tingeln durch winzige Läden, studieren, die Musik läuft eher nebenher. Acht Jahre geht das so, bis sie spüren, dass sie an einem Scheideweg stehen. „Wir haben das eigentlich als eine Art Abschlussprojekt empfunden“, erinnert sich Eisna. Was er meint, sollte die bis dato bahnbrechendste Entscheidung im Leben dieser Band werden: Sie nahmen ab sofort deutschsprachige, vor allem selbst geschriebene Songs auf und benannten sich um in Kaffkiez.
Der neue Name ist Selbstbeschreibung und Ziel zugleich. „Kaff“ für die oberbayerische Herkunft, die auch Jahre später aus vielen Anekdoten klingt und nach wie vor als Homebase dient. „Kiez“ für das, wo sie hinwollen – in die großen Clubs, die Szene, pulsierende Großstädte. Dass der Plan aufging, war eine Überraschung. „Ach, geplant war das ja nicht mal“, korrigiert Eisna. „Wir wollten wirklich einfach nur einmal einen Song so richtig cool und professionell aufnehmen.“ Was folgt, ist eine jener Geschichten, die man noch seinen Enkelkindern erzählt: Die Single “Nie allein“ läuft so gut auf den Streamingportalen, dass das Münchner Label arcticmusic sie unter Vertrag nimmt. Mit dem ersten Album „Alles auf Anfang“ im Gepäck dürfen sie Clueso supporten, in der beliebten TV-Sendung „Inas Nacht“ auftreten und namhafte Festivals spielen: Deichbrand, Highfield, Superbloom. Sie wandern aus nach Berlin. Kaff: ciao. Kiez: check.
Mit Ekstase auf Platz 3 der Albumcharts
In der Haupstadt erblickt „Ekstase“ das Licht der Welt, das zweite Album, und schießt 2024 bis auf Platz 3 der deutschen Charts. Ein Paukenschlag. Die Fanzahl geht durch die Decke, die Bookings werden noch prominenter, die Hallen noch größer, die Tour zur internationalen Reise als Headliner. Die letzten Monate mit der Arbeit am kommenden Album dienten auch zum Durchatmen, zum Innehalten – und um sich ein paar existenzielle Fragen zu stellen.
„Sind das noch die fünf Jungs von nebenan?“, fragen sie bewusst provokant auf Instagram, als sie die neue Single „Benz“ präsentieren, die am 10. Oktober erschienen ist. Im dazugehörigen Video brausen sie in einem alten, roten Mercedes durch die Landschaft, Eisna trägt Pelzmantel, die Jungs werfen mit Geldscheinen und teuren Accessoires nur so um sich. Selbstironisch? Ganz bestimmt. Selbstkritisch? Bestimmt auch ein bisschen, obwohl sie in keiner Sekunde wirken, als sei ihnen der Erfolg zu Kopf gestiegen. Obwohl unsere drei Abgesandten übernächtigt und ausgelaugt in ihrem Proberaum hocken, befolgen sie umstandslos die Bitten der Fotografin. Sie spielen uns die ersten Songs von der Setlist der im Dezember wieder stattfindenden „Homecoming“-Konzerte vor, sie servieren Kaffee und blicken kein einziges Mal auf die Uhr. Mit den Prolls aus ihrem Video haben sie zum Glück gar nichts gemein. „Ich bin geblendet, alles glänzt“, heißt es im Refrain. Eine Zeile, aus der Selbsterkenntnis klingt.
Social Media als Teil der künstlerischen Arbeit
Denn Kaffkiez weiß ganz genau, wie Inszenierung funktioniert. Gutes Beispiel: das „spontane“ Konzert im Berliner Mauerpark kürzlich, ohne Genehmigung, ohne große Technik – der perfekte Social-Media-Moment. „Sowas ist ‘ne totale Contentschleuder“, sagt Eisna, der sich der Macht der sozialen Medien sehr bewusst ist. Sprich: solche Aktionen sind immer ein Spagat, eine Gratwanderung. Natürlich haben die Jungs irre Spaß am Auftritt, an der Nähe zu den Fans, genießen das Gemeinschaftsgefühl – gleichzeitig spekulieren sie auf den Effekt, profitieren sie davon, wenn die Bilder fleißig geteilt werden. Ja, Sichtbarkeit auf Social Media ist heute Teil der künstlerischen Arbeit, und Kaffkiez gehen ebenso offensiv wie kreativ damit um – und nicht nur damit. „Wir machen nach wie vor unfassbar viel selbst“, sagt Gotti und guckt hinüber zu den Regalen voller Merch. „Von der Musik über Social Media bis hin zum Artwork – da ist kaum was outgesourct.“ Das sei Fluch und Segen zugleich. Man behalte die Nähe zur Kunst, Kontrolle über die Botschaft – aber spüre auch ständig den Druck. „Du wirst schnell zur eigenen Werbeagentur.“
Blicken wir nach vorn: Das neue Album heißt WIR, erscheinen wird es am 30. Januar. Den Titel wollen Kaffkiez als umarmendes Statement verstanden wissen: Es geht nicht nur um die Band, sondern um das, was sich drumherum angesammelt hat – Menschen, Momente, eine Bewegung. Die erste Single „Vorhang auf“ ist dafür der perfekte Auftakt: mit treibendem Gitarrenfundament, hymnischem Refrain, stampfenden Beats und einer Atmosphäre zwischen Aufbruch, Comeback und Nostalgie.
WIR beschreiben Kaffkiez als das persönlichste und aufwendigste Werk ihrer Karriere. „Wir haben uns schon sehr reingesteigert“, sagt Gotti grinsend. Wie entstehen ihre Songs? Eisna beschreibt es als „sensibelsten Moment überhaupt“, wenn eine Idee zum ersten Mal das Licht der Welt erblickt. Damit jede Idee in Ruhe reifen darf, ohne sich sofort Kritik stellen zu müssen, habe es sich bei ihnen eingebürgert, dass zunächst jeder für sich an Songs arbeitet. Erst, wenn man das Gefühl hat, die Zeit ist reif, nimmt man das Material mit in den Proberaum.
Liveshows sind und bleiben die Essenz!
Dennoch: Mit dem Erfolg wachsen zwangsläufig die Erwartungen – und damit einher geht eine ganz neue Art von Spannung: nämlich die zwischen kreativer Freiheit und Katzbuckeln vor der Willkür der Algorithmen. Die Streamingwelt verlangt ständige Präsenz, kurze Hooks, TikTok-taugliche Brüche. Dazu kommt der wachsende Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Musikproduktion, seelenloser, massenkompatibler Output. Ein Dilemma. „Ich hab nicht alles an den Nagel gehängt, damit mir jetzt ein Algorithmus vorschreibt, wie meine Kunst auszusehen hat“, sagt Eisna. Trotzdem kommt auch Kaffkiez nicht aus. Noch wollen sie ihre Songs nicht in das von Spotify und Co. bevorzugte Zweiminuten-Korsett quetschen, aber Content zu produzieren, im Grunde am laufenden Band, gehört heute für eine Band zum Alltag. Sie gehens pragmatisch an, versuchen, es so nah wie möglich mit dem Kern zu verbinden, siehe Mauerpark-Konzert. Live zu spielen, ist für Kaffkiez keine Sache der Promotion – es ist Essenz. „Live-Shows sind vielleicht das, was in der Kunst am längsten überlebt“, sagt Eisna. „Der Stellenwert von Live ist untouched! Da geht es einfach nur darum, was spürt die Band, was spüren die Leute. Da gehts noch um Stimmung und Gefühl.“
Apropos Gefühl: Wie fühlt es sich an, zu pendeln zwischen Berlin, der Weltstadt, und Rosenheim, dem Kaff? Es zeigt sich ein weiteres Dilemma. Freilich, hier sind sie aufgewachsen, hier leben Familie und Freunde, hierher kommen sie nicht nur zum Proben, sondern erden sich auch immer wieder. Die unzerstörbare Verbundenheit mit der Heimat äußert sich nicht zuletzt in den schon traditionellen „Homecoming“-Konzerten Ende jedes Jahres. Und doch ist da auch Reibung. Gerade als Künstler stößt man im ländlichen Bayern schnell an Grenzen – konservative Weltbilder, kaum Diversität, ein Hang zur Engstirnigkeit. Einen Mangel an Bescheidenheit hat Eisna den typischen Bayern mal attestiert. Darauf könnten sie inzwischen gelassen herabschauen, buchstäblich sogar, von ihrem Proberaum, da oben. Tun sie aber nicht. Sie haben sich eine angenehme Demut bewahrt. Gotti beschreibt das so: „Bis heute zieht sich das durch, dass wir immer wieder merken, krass, wir kommen eigentlich aus einem ganz anderen Bereich, wir müssen uns voll viel erst aneignen, wir haben nicht an der Pop-Akademie studiert, wir müssen uns in alles irgendwie erst reingrooven.“ Reingrooven: gutes Stichwort. Nach dem Album folgt – endlich – wieder eine Tour. Die Kaffeemaschine hier im Proberaum wird noch oft heißlaufen, bis es Anfang April heißt: „Vorhang auf“.