Fotografie mal anders: Ulrich Tausend aus München macht Lightpainting.

„Zisch“ – ein kurzer heller Lichtstrahl blitzt durch die Dunkelheit und erhellt für nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde den Raum. Dann ist es wieder dunkel. Nur die blau leuchtende Taschenlampe und das glimmende Plexiglaswerkzeug in den Händen der jungen Frau tauchen das Zimmer in ein schwaches Licht. Aus einer Musikbox in der Ecke des Zimmers dröhnt Andreas Gabaliers „Hulapalu“. Christina tanzt zu der Musik und „malt“ mit den Leuchtwerkzeugen verschiedene Formen in die Luft. Ulrich Tausend steht währenddessen hinter der Kamera und drückt auf den Auslöser, um die Aufnahme zu starten. Und wieder lässt er den kleinen separaten Blitz in seiner Hand zischen, um Christina auf dem Foto Gestalt annehmen zu lassen. Dann drückt er erneut aufs Knöpfchen der Kamera.

Ulrich Tausend ist Soziologe, Medienpädagoge und Gamedesigner. Seine Leidenschaft aber gehört der Fotografie und insbesondere dem „Lightpainting“. „Lightpainting heißt ,Malen mit Licht‘, was wiederum ,Photographie‘ bedeutet“, erklärt er. Im Gegensatz zu der weitverbreiteten Annahme, Werke dieser Art seien das Ergebnis von Computertricks, entstehen Lightpaintings tatsächlich durch die Bewegung von Lichtquellen. Die Technik beruht dabei auf den historischen Vorbildern aus den Anfangszeiten der Fotografie. „Früher dauerte es ewig, bis ein Foto entstand. Eine bewegte Lichtquelle wäre verwischt erschienen. Und diesen Effekt erzeuge ich heute künstlich“, sagt Tausend.

Um Lightpaintings zu erstellen, wird die Kamera auf eine längere Belichtungszeit eingestellt. Die Belichtungszeit regelt, wie lange Licht auf den Sensor fällt. Umso länger die Belichtungszeit, desto stärker verwischen Bewegungen vor der Kamera. Bei einem Lightpainting erkennt die Kamera in der Dunkelheit somit das Licht und unbewegte Objekte oder Personen nur, sofern diese nochmal extra beleuchtet werden. „Malen“ die Personen selbst, muss mit einem Blitz gearbeitet werden, um die Person für den Bruchteil einer Sekunde zu beleuchten. Das verleiht ihr auf dem Foto quasi die gewünschte Schärfe. „Bekannte Lightpaintings gibt es zum Beispiel auch von Picasso“, erzählt Tausend weiter. „Er wurde von einem Fotografen besucht und dieser bat ihn, mit einem Leuchtstift in die Luft zu zeichnen.“

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Wie hier bei „Kino, Mond und Sterne“ in München begeistert Ulrich Tausend regelmäßig mehrere hundert Menschen mit seinen Publikumslightpaintings.
Fotos: David Höpfner

Im Vergleich zu damals muss man heute nicht mehr mehrere Tage gespannt warten, bis die Fotos entwickelt sind. Mit Tausends Technik können die Menschen sich selbst sogar beim „Malen“ zusehen. Der 38-Jährige wirft mit einem Beamer das Kameradisplay an die Wand. „Es ist sehr schwierig, die Technik zu erklären, weil sie sehr abstrakt ist. Mithilfe des Beamers fällt es den Leuten wesentlich leichter zu verstehen, was passiert“, sagt Tausend. Insbesondere bei Events nutzt er dieses Hilfsmittel. Regelmäßig veranstaltet er Publikums-Lightpaintings, also Fotos, auf denen jeder Zuschauer zum Lichtkünstler werden darf. Mit 1.600 malenden Menschen glückte ihm auf einem Kongress in Berlin sogar ein Weltrekord.

„Lightpainting ist eine wunderbare Weise, Menschen zu faszinieren und zu inspirieren“, findet Tausend. Zudem mache es ihm Spaß, Wissen zu vermitteln. Mit seiner Lichtkunst könne er den Leuten erklären, wie Fotografie funktioniert, da man sich mit Dingen wie Belichtungszeit, Blende und weiteren Funktionen der Kamera beschäftigen müsse.

Tausend selbst wurde vor fünf Jahren auf der „documenta“, der renommierten Kasseler Ausstellungsreihe, zum Lightpainting inspiriert, als einige Tänzer in einem abgedunkelten Raum eine Kunstperformance präsentierten. Am Abend traf er die Tänzer und fragte sie, ob sie Lust auf ein Fotoshooting im Dunkeln hätten und dabei mit Licht zu experimentieren. Die Bilder, die dabei entstanden, faszinierten Tausend so sehr, dass er beschloss, einen Großteil seiner Freizeit dem Lightpainting zu widmen.

Die Ideen gehen dem Kreativkopf noch lange nicht aus. Kürzlich wagte er sich an das spannende Thema des Unterwasser-Lightpaintings. Anlässlich eines großen Tanz- und Freediving-Festivals wurde der Fotograf auf die Azoren eingeladen. Mit Freitauchern – das sind Taucher, die mehrere Minuten die Luft anhalten können – veranstaltete Tausend einen für ihn „sehr spannenden Unterwasser-Shoot“. Was er nicht bedacht hatte: eine passende Schutzhülle für den Blitz zu besorgen. Da es sich auf den Azoren als äußerst schwierig herausstellte, eine wasserdichte Hülle zu finden, mussten schließlich notgedrungen Präservative herhalten. „Ich habe noch nie so viele Kondome gebraucht wie in dieser einen Nacht“, erzählt Tausend lachend. Der Blitz hat das Unterwasser-Shooting allerdings trotzdem nicht überlebt.

Im Gegensatz zu den meisten Lightpaintern ist Tausends Leidenschaft die Lichtmalerei mit Menschen, sowohl mit professionellen Models als auch mit Unerfahrenen, „weil die oft ganz abgefahrene Ideen haben.“ Insbesondere auch die Arbeit mit Kindern mache ihm großen Spaß, da sie das Thema mit einer anderen Herangehensweise angehen, erzählt Tausend. Sein erstes großes Publikumslightpainting erstellte er beim Kinderfotopreis in München. Seine Workshops bietet er aber auch für Erwachsene an. Auch bei Veranstaltungen oder Firmenevents präsentiert er regemäßig seine Künste unter dem Namen „A Light To Remember“ und begeistert, fasziniert und inspiriert tausende Menschen. Seine Bilder präsentiert er auf Instagram.

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