Beim Berchtesgadener Künstler:innenkollektiv frei:händig gilt: Kreativität vermehrt sich, wenn man sie teilt. Mehr als 50 Menschen und ein wunderschönes Fleckchen Erde sind alles, was es braucht, um Großes zu schaffen.

Beeindruckend steht er da, der „Watze“, am Ende des Berchtesgadener Talkessels. Der alte König Watzmann soll versteinert worden sein, inklusive seiner Frau und fünf seiner sieben Kinder. In der Nähe findet sich auch der „Hundstod“, ein weiterer über die Grenzen hinaus bekannter Gipfel. Dort sollen sich die königlichen Hunde nach dem Zerfleischen der königlichen Familie in den Tod gestürzt haben. Ein rauer, hartherziger und böser Herrscher soll er gewesen sein, der Watzmann. So abscheulich, dass er der Sage nach Blut statt Muttermilch trank. Gott soll ihn lange schalten und walten gelassen haben.

Als der Regent während einer Jagd mit seinem Tross aber eine unschuldige Familie auslöschte, platzte dem Allmächtigen dann doch endlich der Kragen. Als Watzmann noch lachte über den Tod der Familie, wandten sich seine vormals treuen Hunde gegen ihn und die seinen. Das Blut der Monarch:innen floss bei diesem Massaker in König- und Obersee und aus den Leibern erwuchs das markante Gebirge. 

frei:händig: Kreativ ohne Ende

Sagen und Mythen haben im Berchtesgadener Land einen hohen Stellenwert, das Geschichtenerzählen liegt geradezu auf der Hand hier, im tiefen Talkessel, umgeben von hohen Bergen, wo sich das Licht oft nur schwer durch die Wolken oder über die Grate kämpft. Diese „Kessellage“ schlägt so manchen aufs Gemüt. Sie erträumen sich helle Bergsommer, bringen die Sonne auf die Leinwand und scheuchen die dunkle Stimmung aus dem Kopf. Es existieren sogar Studien, nach denen Menschen kreativer sind, je weniger Licht sie „reizt“. Demnach setzen Menschen helles Licht mit Produktivität gleich, Dämmerlicht eher mit Entspannung; und mit Entspannung wiederum sei Kreativität verknüpft.

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Im Fall des Künstler:innenkollektivs „frei:händig“ wissen wir nicht genau, inwieweit Watzmann, Hundstod oder Untersberg die Verantwortung für die das ganze Kollektiv durchdringende gestalterische Kraft zuzuschreiben ist, aber eins steht fest: In Sachen Kunst, Kultur und Handwerk gehts rund. Ziel und Zweck: sich zu vernetzen, miteinander Großes zu erschaffen, voneinander zu profitieren. Viel hat mit Themen wie „Socializing“ und „Networking“ zu tun, viel aber auch mit „Empowerment“. Also doch eher viel Licht, statt Dunkelheit und Schatten.

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Angefangen hat das Kollektiv im November 2022. Aus einer Idee von zwei kreativen Köpfen, die sich miteinander und mit anderen verbinden wollten, ist eine Gruppe aus mittlerweile mehr als 50 Mitgliedern geworden. Sie funktionieren ein bisschen wie Magneten, die andere anziehen: Jemand kennt wen, die wiederum kennt jemand anderen – und  Bruder Zufall mischt ebenfalls kräftig mit.

Als eine der ersten dabei war Sabine Köppl, selbstständige Keramikerin. Mit ihrem „Arts Keramik“ in Schönau hat sie nicht nur ein Atelier geschaffen, sondern auch eine Begegnungsstätte: Für menschliches Miteinander und für Menschen mit Ton und Töpferscheibe. Ob Anfänger:in oder alter Hase, Sabine gibt die Leidenschaft für ihr Kunsthandwerk nur allzu gerne weiter: Bald ist sie zusätzlich ausgebildete Kunsttherapeutin, schon jetzt arbeitet sie mit Kindern und Jugendlichen in der Klinik Schönsicht am Projekt „Meine Lieblingstasse“.

Die Tasse als Gebrauchsgegenstand hat für Sabine grundsätzlich einen sehr hohen Stellenwert. Für sie beinhaltet schon der Gegenstand an sich einen ganz persönlichen Moment. Sei es Kaffee oder Tee: Das erste Getränk am Morgen nach dem Aufstehen, wenn man – noch leicht verträumt – in den Tag hineinschnuppert und langsam aufwacht, die gehören nur sich selbst. Umso besser, wenn man zum Gefäß zusätzlich eine Verbindung hat – vielleicht weil man es selbst geschaffen hat oder weil sich jemand beim Anfertigen Gedanken dazu gemacht hat. Sabine geht noch weiter: Bei den Stücken ihrer „mindful line“ zum Beispiel achtet sie darauf, dass keine Schadstoffe rankommen. 

Es geht um die Sache

Obwohl „frei:händig“ mit von ihr ins Leben gerufen wurde, legt Sabine großen Wert darauf, nicht im Mittelpunkt zu stehen. Falls sie das Kollektiv einmal verließe, sagt sie, würde es weiterexistieren. Wie es  ja auch weiterbesteht, nachdem Kathi, die zweite Impulsgeberin, ausgetreten ist. Das Schöne an „frei:händig“ ist, da ist man sich (wie bei so vielem) einig: Auch wenn man mal geht, darf man jederzeit zurückkommen. Die Tür geht niemals zu. Und was entsteht, das darf bleiben. So wie die „Bergkerze“, die Sabine damals mit Kathi gemacht hat – und dabei dann Drechsler Samuel ins Boot geholt hat. Die Bergkerze ist ein Musterbeispiel für das, was „frei:händig“ sein will: Ein Miteinander, von dem jede:r einzelne profitiert. Sabine formte Gefäße aus Keramik, Kathi zog die Kerzen hinein und Samuel drechselte die individuellen Deckel.

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Schon beim ersten Gespräch zum Thema Kollektiv (oder auch Verein, wie es zunächst im Raum stand) liefen Sabine und Kathi prompt Gabriella Nandori über den Weg. Wobei man hier schon sagen darf: Gabriella lief ihnen in die Arme. Gabriella Nandori ist die älteste Kollektivkünstlerin und bestimmt auch eine der vielseitigsten. Die Ungarin, die jahrelang in Wien lebte, verschlug es vor Jahren nach Berchtesgaden, der Liebe wegen. Viele Jahre hat sie sich seit ihrem Design-Studium als selbstständige Designerin und Grafikerin in Wien und Umgebung einen Namen gemacht und ein Netzwerk aufgebaut, um Aufträge musste sie sich nie kümmern. Die kamen einfach. Schmuck, Möbel, Schuhe, Taschen: Ihr Repertoire ist riesig.

Mittlerweile kümmert sie sich um die Website des Kollektivs und hat die Logos für die Gemeinschaft und das ArtFestival entworfen – aber auch das Schmuckdesign kommt nicht zu kurz. Das ist ihre Leidenschaft, dafür brennt sie. Ihre Schmuckstücke sind einzigartig, keines gleicht dem anderen. Aus filigranem Edelstahldraht, der kunstvoll in Form gebracht und mit Eyecatcher-Schmucksteinen versehen wird, lassen sich Gabriellas Ketten einfach überstreifen und abnehmen. 

Netzwerk und Freundschaft

Ob ihr die Kreativität auch mal abhanden kommt? Es sei alles in ihr drin, sagt sie. „Ich schöpfe aus mir selbst“. Wenn sie mal Urlaub macht, müsse sie allerdings erst wieder warmlaufen, lacht sie, wieder in ihren kreativen Kreislauf eintauchen. Letztlich gilt: „Ein kreativer Geist bleibt niemals stehen.“ Auch mit über 60 nicht. Für Gabriella ist es vor allem der Netzwerkgedanke, weswegen sie ungern auf das Kollektiv verzichten würde. „Ich kann viel und möchte anderen davon abgeben!“ Man hat sich kennen- und schätzen gelernt. Von der kreativen Passion mal abgesehen, kümmert man sich umeinander und ist füreinander da. Unbezahlbar.  

Warum ein Kollektiv und kein Verein? Ein Verein braucht eine Satzung, feste Mandate, vorgeschriebene Positionen. Ein Kollektiv ist frei, flexibel und wandlungsfähig. Kurze Wege – so kurz, dass man von jetzt auf gleich sogar ein Kinderbuch veröffentlichen kann. „Die kleine Blattfee“ ist eine Geschichte, die sich Sabine für die Töchter ihrer Freundin ausgedacht hat und – Kollektiv sei Dank – in Buchform unter die Leute bringen konnte. Der Erlös ging an die deutsche Krebshilfe. Kreativ sein und Gutes tun – es kann so einfach sein! 

Unterstützung bekamen Sabine, Mona (Illustration) und Anna (Satz) vom Kulturverein „Berchtesgadener Hut“. Dieser eingetragene Verein versammelt Kulturschaffende aller Couleur aus dem, im und um den Talkessel unter dem Watzmann. Dazu gehören auch andere Kollektive wie zum Beispiel der „Wurzeltrieb“ sowie verschiedene Künstlerbünde. Mit allen ist „frei:händig“  verbunden, man schätzt und respektiert sich. Und man versteht, wie viel kreatives Potenzial in diesem sagenumwobenen Tal liegt. 

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Einen Eindruck davon konnte sich die Öffentlichkeit vergangenen Oktober beim ersten ArtFestival machen. Im Berchtesgadener AlpenCongress versammelten sich die Künstler:innen, Musiker:innen und Kunsthandwerker:innen des frei:händig-Kollektivs und zeigten, was sie können. Aber sie stellten nicht nur aus, es wurden auch Lesungen und kleine Workshops veranstaltet. So konnten zum Beispiel Kinder mit selbst gedrechselten kleinen Figürchen nach Hause gehen und in der Kunst-Ausstellung wurde live gemalt. Auf die Staffeleien (also Beine) gestellt hat die Ausstellung Mona Rolland, die als Illustratorin im Kollektiv ist. Und wer jetzt denkt, das sei ein Klacks für Menschen, die sowieso irgendwie in Verbünden organisiert sind: Mitnichten! Das war Monas erste Ausstellung. Und das überschwänglich positive Feedback, das sie auf die erste eigenhändig durchgeführte Ausstellung bekam, bringt uns zum Punkt „Empowerment“. 

Die Sommeredition 24 des ArtFestival findet am 9. Juni im Kulturhof Stangass in Bischofswiesen statt.
Fotos: Kulturhof Stanggass / Josefine Unterhauser

Mona dachte immer, entweder man kann halt malen oder nicht. „Und ich hatte mich damit abgefunden, dass ich es halt nicht kann“, sagt sie. Und alle lachen. Denn Mona kann so einiges! Auf Sabines Wunsch hin zum Beispiel die kleine Blattfee zeichnen. Aus einem anfänglichen Zögern und Zaudern wurde Liebe für das niedliche Geschöpf, so wie die Illustration und auch das Aquarellmalen Monas Liebe wurden. Teilen müssen sich diese Dinge ihre Liebe nur mit Tobi Hackl, Monas Partner.

Während Mona zu ihrer Kreativität im Illustrieren fand, richtete sich Tobi eine kleine Werkstatt ein für die Herstellung von Schmuckstücken, Uhren, Lampen, Anhängern und vielem mehr aus Epoxidharz. Für ihn ist es Erholung vom Arbeitsstress, sich am Wochenende in seiner Werkstatt zu verschanzen und an Schmuckstücken zu arbeiten, die er gerne mit Holz kombiniert. Mona unterstützt Tobi vor allem bei Social Media, das ist nicht so sein „Ding“. Stattdessen holt Tobi kleine Fläschchen mit Muttermilch aus dem Kühlschrank und bringt sie in seine Werkstatt, während Mona ihre Ideen umsetzt, zeichnet, von Bleistift auf Aquarell wechselt oder das Plakat für das kommende ArtFestival am 9. Juni gestaltet.

Ja, Tobi fertigt auch Muttermilch-Schmuck auf Basis von Epoxidharz. Ob Perle oder Anhänger mit Holz kombiniert, er schafft wunderbare und etwas ungewöhnlichere Erinnerungen für Mutter und Kind. Für das Paar ist das Kollektiv aus unterschiedlichen Gründen etwas ganz Besonderes. Mona, die leichter aus sich herausgehen kann, liebt die Vernetzung mit anderen Kreativen; Tobi hingegen schätzt sehr, dass er nicht „muss“, wenn er mal nicht will. 

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Alle „frei:händigen“ machen ihre Sache im Kollektiv ehrenamtlich. Sie alle haben ihre festen Jobs, ob selbstständig oder nicht. Sabine als Keramikerin, Mona als Altenpflegerin, Tobi als Informatiker. Andere sind studierte Psycholog:innen und springen dann und wann bei den Treffen als Moderator:innen ein, wenn nötig. Mittlerweile gibt es einzelne „Fach“-Gruppen und ein Gremium, das die kommenden ArtFestivals organisiert – dieses Jahr zwei, üblicherweise ist nur eines geplant. Zu überwältigend ist der Aufwand – trotz ebenso überwältigend positiver Rückmeldung. 

Die Sommer-Edition des frei:händig ArtFestivals am 9. Juni im Kulturhof Stangass wird wieder mehr sein als ein – zugegeben sehr spezieller, unvergleichbarer und außergewöhnlicher – Kunsthandwerkermarkt. Rund 40 Aussteller:innen haben zugesagt, darunter ein Geigenbauer, eine Sattlerin, ein Tätowierer und viele mehr. Bis auf die Keramiksparte präsentiert jedes Gewerk nur eine:n Künstler:in, aber auch bei den Keramiker:innen unterscheiden sich alle in ihrem Stil und ihrem Werk, betont Sabine. In ihren Worten liegt kein bisschen Konkurrenzgedanke, nur Wertschätzung. Unterhaltsam wird der Tag allemal, umrahmt von Live-Musik, einer Feuershow, Essen und jeder Menge Authentizität.

Kunsthandwerk und Brauchtum

Auch zu sehen sein werden die Masken von Marius Brandner. Brandner selbst ist mit dem Brauch der Buttnmandl aufgewachsen und auch mitgelaufen. Früher, als er noch keine Familie hatte. Sobald ein junger Mann nämlich heiratet und eine Familie gründet, ist es ihm in den traditionellen „Bassen“ nicht mehr erlaubt, mitzulaufen. Das hat Marius natürlich nicht daran gehindert, eine Familie zu gründen. Die Masken sind ihm ja geblieben. In den vergangenen 25 Jahren hat er sich – logisch – weiterentwickelt. Von dem 14-Jährigen, der auf seinem Fahrrad einen Holzblock zur Schreinerei balanciert hat (zum Abhobeln) zum knapp 40-jährigen Familienvater, der teils mit dem Sohnemann in der Werkstatt steht und ihm das alte Brauchtum näherbringt. Klar, ohne dem Nachwuchsdie scharfen Werkzeuge in die Hand zu geben. 

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Holz ist zwar immer noch Brandners Liebling (und auch der von zwei Dritteln seiner Kund*innen, denn er hat tatsächlich auch schon Masken für Frauen gemacht), aber er hat auch schon Masken aus Bronze gefertigt oder aus Kunststoff gegossen. Dabei sind seine Masken mittlerweile nicht mehr nur bei Buttnmandl-Bassen oder Kramperl gefragt, er fertigt auch Sagenfiguren im Perchtenbereich, Theatermasken oder Masken für Vergnügungsparks.

Lieber sind ihm die rustikalen und brauchtumsnahen Masken, sagt er, mit den kitschigen Horror-Masken kann er nicht viel anfangen. Auf jeden Fall gestaltet sich die Herstellung so einer Maske genau so aufwändig, wie man es sich vorstellt. Brandners Masken werden mit einem verstellbaren Gurtsystem ausgestattet (damit sie dem Bestellenden optimal angepasst werden können), aufgepolstert und mit Fell, Farbe und Hörnern versehen, was extrem viel Zeit beanspruchen kann. Hinzu kommt: Der Macher ist ein Perfektionist. Marius möchte nachhaltige Masken herstellen, die lang getragen werden können; stabil und von so hoher Qualität wie nur irgend möglich.

Alles kann, nichts muss

Als Brandner ins Kollektiv eingestiegen ist, war es noch ziemlich jung und er kannte eigentlich niemanden außer Carina Engle, eine Fotografin. Inzwischen ist er Mitglied im Gremium und damit an der Organisation des ArtFestivals aktiv beteiligt. „Bei frei:händig brennen alle für ihre Arbeit und nehmen sie wirklich ernst“, das begeistert Marius mit am meisten. Und es haben sich auch bei ihm richtige Freundschaften gebildet. So ein Kollektiv, scheint es, verbindet. Posten wie im Gremium werden hier nach Fähigkeiten und Interessen besetzt, nicht, weil es jemand machen muss. Es braucht keinen Schriftführer oder Vorstand, alle sind gleichberechtigt. Wenn sie wollen. Bei „frei:händig“ profitieren alle von dem, was andere können. Egal in welchem Bereich. Und der Funke steckt an. Etwas in der Welt ein bisschen besser machen für die, die danach kommen, das wäre fein, sagen sie. 

Genau das hat sich auch Melanie Dommenz auf die (Regenbogen-)Fahne geschrieben. Quasi aus dem Stegreif hat sie über 700 Seiten Roman auf die Beine gestellt. Eine Coming-of-Age-Geschichte, aber in regenbogenfarben: Gay Romance. Ihre Recherchen haben ihr gezeigt, dass es da in der Umgebung doch viel mehr zu tun gibt als gedacht. Dshalb engagiert sie sich nicht nur im Kollektiv, sie setzt sich mittlerweile auch aktiv ein für die LGBTQIA+-Community im Berchtesgadener Land. Melanies Kreativität und das Kollektiv haben ein kleines Feuer in ihr entzündet, das sie mit „frei:händig“ in die Welt trägt – in der Hoffnung, mit diesem Funken auch andere anzufeuern.