In Übersee am Chiemsee hat ein Münchener Ehepaar drei historische Gebäude vor dem Verfall bewahrt – und sie in Orte verwandelt, an denen Geschichte lebt und Gäste sich zuhause fühlen.
An einem spätsommerlichen Vormittag fahren wir durch Übersee am Chiemsee: von der A8 ins Zentrum, über die Bahngleise, und verlassen schließlich den Kreisverkehr, um durch eine dieser typischen Siedlungen zu tuckern, wie man sie allerorts antrifft in Oberbayern. Ein paar Häuschen, denen man ihr langes Leben ansieht, flankiert von neueren Ein- oder Mehrfamilienhäusern. Nichts, was sonderlich ins Auge fiele. Deutsche Durchschnittsarchitektur: unambitioniert, dafür bezahlbar; mutlos, dafür funktional.
Doch plötzlich, schon relativ weit hinten im Albererweg, geraten drei Gebäude in den Blick, die sich herausgeputzt haben. Ein dreiteiliges Ensemble, das wirkt wie diese schmucken, historischen Ortskerne, an denen die Zeit scheinbar spurlos vorüberzog, während ringsherum die Gegenwart ihre baulichen Sünden beging. In einem Gebäude, im sogenannten Hebammenhaus – das so heißt, weil vor über fünfzig Jahren die Dorfhebamme darin wohnte – lebt das Ehepaar Schelling. Daneben, in der Alten Gendarmerie sowie im Albererhof, können Gäste logieren. Man muss das fast so gestelzt ausdrücken, weil Angela und Marcus Schelling sich und ihren Gästen hier wirklich außergewöhnliche Refugien geschaffen haben.
Der Ort wirkt magisch. Da wohnt man nicht einfach oder urlaubt. Da atmet man schon beim Aussteigen auf, schickt die Augen sofort auf Entdeckungsreise: Hoch, zum Dach des früheren „Großalbererhofs“ zum Beispiel, mit seinen salbeifarbenen Windbretter und der wettergegerbten Holzfassade. 1667 wurde das heute denkmalgeschützte Prachtstück erbaut und sah recht erbärmlich aus, ehe Schellings in Zusammenarbeit mit pfiffigen regionalen Handwerkern eine Generalüberholung durchführten. Oder man erfreut sich, linkerhand der Hoffront, an dem rechteckigen, üppigen Bauerngarten, in dem die Kräuter und Blumen nach den regnerischen Tagen in letzter Zeit wuchern, als wollten sie aus ihrer Umzäunung ausbrechen, um das ganze Areal zu erobern.
Man könnte die Augen auch schließen und einfach nur lauschen. Hören, wie die Blätter der knorrigen Apfel- und Quittenbäume rascheln, oder wie die Bienen emsig summen, die Angela in ihrer Rolle als Imkerin – hinten, im Garten vom Hebammenhaus – in ein paar Stöcken beherbergt, um naturreinen Honig zu fabrizieren. Den können sich die Gäste ebenso schmecken lassen wie die selbstgemachten Marmeladen, von denen Angela immer eine kleine Kostprobe als Begrüßungsgeschenk überreicht. (Geheimtipp: von Mai bis September bietet Angela Schnupperkurse an, die in der hofeigenen Bio-Imkerei tiefere Einblicke in dieses uralte Handwerk geben.)
Was heute wie selbstverständlich wirkt, wie natürlich gewachsen, war vor gut zehn Jahren noch eine kühne Idee – ach, noch nicht einmal das! Denn dass Angela und Marcus am Ende gleich drei historische Gebäude vor dem Verfall bewahren und ihnen neues Leben einhauchen würden, war zunächst alles andere als geplant. Ursprünglich hatte das Münchener Ehepaar vor gut 20 Jahren lediglich ein Feriendomizil im Chiemgau gesucht. Einen Rückzugsort für die Wochenenden. Sie erstanden das Hebammenhaus und bauten es – sehr zur Freude von Gemeinde und Anwohner:innen – ebenso liebe- wie würdevoll um. Genutzt haben sie es, leider, anfangs gar nicht so häufig – die Jobs, die Kinder…
Angela erzählt uns die ganze Geschichte, während wir im Wohnzimmer sitzen – das früher mal eine Garage war. „Daher die hohe Decke.“ Heute duftet es nach frisch eingekochter Quittenmarmelade, das Licht streicht über alte, freigelegte Balken, fällt auf den warmen Holzboden und auf Mobiliar, das offensichtlich nicht aus schwedischer Massenproduktion stammt. Die Hausherrin hat augenscheinlich einen Blick für das Besondere – und die Gabe, Dinge zu finden, die Geschichten erzählen: auf Flohmärkten, im Wertstoffhof, manchmal sogar im Container. Manches upcycelt sie, anderes verschenkt oder spendet sie weiter, oft verbunden mit einem kleinen Post auf Instagram, der die Dinge würdigt.
Dr. Angela Schelling ist eigentlich HNO-Fachärztin. Sie hat in München studiert und während des Studiums Marcus kennengelernt. Beide arbeiten eine Zeit lang zusammen im „Rechts der Isar“. Später wechselt sie in eine neurologische Klinik, er macht eine Praxis für Pränataldiagnostik auf. Als die Kinder zur Welt kommen, reduziert Angela auf Teilzeit – und lebt ihr Faible für Flohmärkte aus, für das Entdecken schöner Dinge. Um ihren Sinn für Ästhetik mit anderen zu teilen, eröffnet sie einen kleinen Laden für Kindermöbel, aus dem später ein großer und überaus erfolgreicher Internet-Shop wird. „Das begann in den Pionierzeiten des Internets, unser Keller musste zeitweise als Lager herhalten“, sagt Schelling schmunzelnd.
Ferienwohnungen statt Online-Shop
Als sie das Unternehmen verkauft, beschäftigt es 15 Mitarbeiter:innen. Es klingt, als sei sie ausgelaugt gewesen damals, auch ein wenig ratlos. Zurück in die Medizin? Ein anderes Business aufziehen? In dieser Phase steht plötzlich das alte Polizeigebäude gegenüber vom Hebammenhaus zum Verkauf. „Wir haben da ehrlich gesagt fast ein bisschen blauäugig zugegriffen“, erinnert sich Angela. Doch Schellings verstanden den Kauf als eine Art Rettungsaktion. „Wir haben befürchtet, dieses geschichtsträchtige Gebäude wird sonst abgerissen und an seiner statt kommt so ein seelenloser Fünfspänner hin.“
An Seele mangelt es dem heutigen Triumvirat sicher nicht! Jedes Gebäude ist anders – hat seine eigene Geschichte, seinen individuellen Charakter – und doch fügen sie sich zusammen wie die Kapitel eines Romans. Der hat sich ein bisschen von selbst geschrieben. Die Tinte auf dem Kaufvertrag für die heruntergekommene Polizeiwache war kaum getrocknet, da musste sich das Ehepaar eingestehen: „Wenn wir das gescheit angehen wollen, dann wird das teuer. Sehr teuer.“ Die logische Konsequenz: Das restaurierte Haus musste irgendwie Geld reinspielen. Schellings entschieden sich, Ferienwohnungen einzurichten und dabei auf eine Mischung aus Respekt vor der historischen Bausubstanz und Angelas Gespür für wohnliche Schönheit zu setzen. Die Gäste sollen sich wie zuhause fühlen – und dabei doch das Besondere erleben.
Mit dieser Philosophie sind sie auch nebenan vorgegangen, beim Albererhof, der ebenfalls unverhofft dazukam, als die früheren Besitzer erkannten, dass dieses Ehepaar mit Sinn und Verstand, mit ganz viel Liebe an so ein Projekt herangeht. „Wir wollten diese Gebäude nicht nur retten“, sagt Angela. „Wir wollten, dass sie wieder Teil des Dorflebens werden, dass sie Geschichten weitererzählen.“
Dieser Anspruch zeigt sich in jeder Ecke – von den behutsam freigelegten Holzbalken bis zu den sorgsam ausgesuchten Stoffen, Farben und Möbeln. In die Zimmer gelangt man durch die originalen, niedrigen Türstöcke, die rustikalen Dielenböden knarzen bei jedem Schritt. Die meisten Wohnungen haben eine Feuerstelle – es soll behaglich wirken. Behaglich, aber nicht betulich! Dafür sorgen die Kontraste. Venezianische Lüster, die funkelnde Prismenspiele an die Wände werfen. Echte Bauernschränke, mit kunstvollen Intarsien und Malereien. Ein schweres Biedermeiercanapé. Wo sie zu retten waren, halten noch die ursprünglichen, handgehackten Balken den Albererhof zusammen. Daneben geradlinige Glas- und Metallelemente in den Bädern, als moderne Akzente. Und Kunst, überall Kunst!
Kunst von Harnest bis Kufner
Wer hier hofiert, sollte sich Angela unbedingt einmal schnappen und sich von ihr wie von einer Museumswärterin durch die Anlage und sämtliche Räumlichkeiten führen lassen! Da hängen Bilder von Waldemar Kufner, ein Berchtesgadener Maler, der seinen Lebensabend hier in Übersee verbracht hat; ein großformatiges Gemälde von Fritz Harnest, einer der bekanntesten Vertreter abstrakter Malerei der Chiemgauer Künstlerszene, doch durchaus von internationalem Rang; vor der Haustür der Alten Gendarmerie eine zweiteilige Skulptur; und in allen Ecken und Enden immer wieder ganz entzückende Fundstücke, historische Kleinmöbel oder liebevoll drapierte Deko mit authentischer Patina.
Marcus bringt sich auf seine ganz eigene Weise ein. Wenn er nicht im Beruf steckt, tüftelt er an Essig- und Spitituosen-kreationen aus Apfel oder Quitte – alle Zutaten auf den eigenen Streuobstwiesen aufgeklaubt. Wenn Gäste kosten wollen, steigt er gern hinunter in den kühlen, aus Naturstein gemauerten Keller, wo die Kostbarkeiten lagern, und kredenzt ein Fläschchen. An den Kräutern, die in etlichen Hochbeeten sprießen, dürfen sich die Gäste selbst bedienen. An lauen Sommerabenden richtet Angela gerne kleine Aperitivo-Zusammenkünfte aus. Ins Gespräch kommen, sich gegenseitig kennenlernen, das bedeutet für sie gelebte Gastfreundschaft. Mehr Geselligkeit wünscht sie sich auch für die derzeit noch als „Rumpelkammer“ zweckentfremdete Tenne. Angela träumt davon, dort irgendwann kleine Lesungen zu veranstalten, im intimen Rahmen und auf der Bestuhlung, die sie kürzlich aus einem aufgelösten Gasthaus gerettet hat.
Tränen vor der Abreise
Man spürt, dass Gäste hier mehr sind als bloß Kund:innen. Sie werden herzlich umsorgt, bekommen bei der Ankunft ein von der Mutter genähtes und vom Vater bedrucktes Lavendelsäckchen aufs Kissen, ein Glas Marmelade in die Hand gedrückt – und immer auch eine handgeschriebene Karte. „Ich finde, solche Gesten machen den Unterschied“, sagt Angela. Während wir die historischen Fotos im Gang der Alten Gendarmerie bewundern, läuft uns zufällig eine Gästin über den Weg. Strahlend schwärmt sie von ihrem Aufenthalt – und wirkt zugleich ein wenig wehmütig. „Morgen muss ich abreisen“, sagt sie. „Wahrscheinlich werde ich weinen.“ Angela nickt, verständnisvoll lächelnd und dankbar zugleich. Dankbar, dass sie angekommen ist. In der, wie sie betont, „besten Phase meines Lebens.“ Jeden Morgen radelt sie – ganzjährig – hinüber zum Chiemsee, schwimmt ein paar Runden. Dann widmet sie sich mit klarem Kopf der Leidenschaft des Gastgebens. Das, sagt Angela Schelling, ist doch eine tolle Definition von Luxus: Zeit, Ruhe und echte Begegnungen in dieser einzigartigen Atmosphäre.