Wenig scheidet alpenländische Geister so sehr wie das Thema „Tracht“. Die „Sammlung Tracht – Gwand – Mode“ bringt Licht ins Dunkel. Vielleicht kann ein gemeinsamer Besuch sogar alle Arten von Trachtler:innen versöhnen?
Wir präsentieren: ein „Herzstück“, das sich mit einer echten Herzensangelegenheit vieler, vieler Menschen hier im Alpenraum beschäftigt; mit einem Stückerl unserer DNA quasi. Seien wir ehrlich: Wenig geht uns so nahe wie die Tracht – sowohl buchstäblich als auch metaphorisch. Tracht: hinter dem Begriff steckt ja so viel mehr als nur Dirndl und Lederhose! Mehr als diese Floskel vom „gelebten Brauchtum“; mehr als das in aller Welt kursierende Bierzeltklischee. Tracht kann zum Zankapfel werden, wenn Traditionalisten auf Freigeister treffen; sie kann als stolz getragene Uniform dienen, wenn irgendwo ein Gaufest über die Bühne geht; sie kann etwas über die Herkunft ihres Trägers oder ihrer Trägerin verraten sowie Zeugnis von einer bestimmten Zeit ablegen. Ob es uns passt oder nicht: Die Tracht gehört zu unserer Identität.
Um sich dem Thema ebenso unbefangen wie kompetent widmen zu können, stoßen wir am besten ins Herzen Oberbayerns vor. Wie wärs, wollen wir uns – um es spannend zu machen – zunächst von weit, weit oben her nähern? Auf gehts, folgen sie uns in die Vogelperspektive! Segeln sie mit uns über die Benediktenwand. Lassen sie uns gemeinsam einen Schwenk über die Loisach-Kochelsee-Moore unternehmen, mit seinen rund 3.800 Hektar eines der imposantesten und wertvollsten Feuchtgebiete Deutschlands. Da hinten: Erspähen sie da auch die zwei Zwiebeltürme? Das muss schon Benediktbeuern sein – unser Ziel.
Einblicke in die Sammlung Tracht – Gwand – Mode
Benediktbeuern: ein kleiner, schmucker Ort im Herzen des Oberlands. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein trug die Gemeinde den nüchternen Namen Laingruben, ehe man sie offiziell nach jenem Kloster benannte, das hier seit dem frühen Mittelalter steht. Das genaue Gründungsdatum gibt zwar Rätsel auf, als verbrieft darf aber gelten, dass der ursprüngliche Kirchenpatron, der Apostel Jakobus, schließlich vom Mönchsvater Benedikt verdrängt wurde. Der löste quasi einen Hype aus (um es zeitgemäß auszudrücken), nachdem Karl der Große dem Kloster eine Unterarmreliquie des Heiligen geschenkt hatte. In seiner wechselvollen Geschichte war Benediktbeuern Skriptorium, Bildungsstätte, barockes Architekturjuwel und Forschungsstandort. Nur nach der Säkularisation im Jahre 1803 durchlebte es eine etwas glanzlosere Phase – als Glasfabrik, Kaserne und Genesungsheim. Doch 1930 hauchten die Salesianer Don Boscos den altehrwürdigen Mauern wieder „heiliges“ Leben ein und machten es erneut zu einer vielseitigen Heimstatt für Bildung, Spiritualität und Fortschritt.
Was das mit Tracht zu tun hat, fragen sie? Nun, am Rande dieser prachtvollen Klosteranlage liegt der sogenannte Maierhof. Einst Herzstück der klösterlichen Landwirtschaft und zur Zeit des Barock aufgrund seiner Größe und Modernität weithin als Modellbetrieb bekannt, zeigt er sich heute als liebevoll renoviertes Kleinod. Und jetzt kommts: Darin befindet sich, unter historischen Gewölben, die sogenannte „Sammlung Tracht – Gwand – Mode“. Früher als „Zentrum für Trachtengewand“ bekannt, gehört die wahrscheinlich spannendste und umfangreichste textile Sammlung Bayerns heute als Zweigstelle zum Freilichtmuseum Glentleiten.
Ursprünglich gegründet hat diese famose Einrichtung einer der kundigsten Experten des Freistaats: Alexander Wandinger, rauschebärtiger Trachtenfachberater des Bezirks Oberbayern. Der hat das Zepter zwischenzeitlich an Sammlungsleiterin und Kuratorin Lea Sophie Rodenberg übergeben, und die durfte im April die erste Schau nach dem Umbau der Räumlichkeiten und der „Verbrüderung“ mit dem Freilichtmuseum Glentleiten eröffnen. Wir halten fest: neue Leitung, neuer Name, neues Depot, aber dasselbe Herzensanliegen – Tracht als wandelbares, lebendiges Kulturgut zu begreifen und (nicht nur historische) oberbayerische Kleidungskultur zu erforschen, zu sammeln und für die Öffentlichkeit zu dokumentieren.
Hineinspaziert also in den am westlichen Rand des Klosters gelegenen Maierhof, hinein in diesen denkmalgeschützten Bau mit seiner 300-jährigen Geschichte. Hier, im barock gewölbten Erdgeschoss, begrüßt uns Lea Sophie Rodenberg, um uns durch die Ausstellung mit dem vieldeutigen Titel „anders beTRACHTet“ zu führen. Obendrein erlaubt sie uns nicht nur einen Blick in die Präsenzbibliothek mit ihren bibliophilen Kostbarkeiten, sondern auch ins niegelnagelneue Depot. Eine wahre Schatzkammer! Dabei klärt uns Rodenberg, quasi im Vorbeigehen, über das Phänomen des Trachtengewands auf. In der Ausstellung können wir 80 Exponate entdecken, darunter mehr als 60 sogenannte Riegelhauben – jene kunstvollen Kopfbedeckungen, die im 19. Jahrhundert vor allem in Städten wie München getragen wurden. An die Wand „gespickt“ wie ein textiles Mosaik bilden sie eine Art Gesamtkunstwerk aus Perlen, Samt, Goldfäden und Pappe. Jede ein Unikat. Jede ein Stück Modegeschichte.
Moment – Mode? In der Tat, das kann, sehr zum Leidwesen ideologisch motivierter Brauchtumsverfechterinnen, auch Trachtenexperte Alexander Karl Wandinger bestätigen. „Die echte Tracht gibt es genauso wenig wie echte Bayern“, pflegt er zu sagen, wenn er über das Thema referiert. Jedes Trachtengewand sei nur eine Mode der jeweiligen Zeit und einem stetigen Wandel unterworfen. Bestes Beispiel: jene Riegelhauben, die man heute nur noch selten sieht. „Die wurden früher weitergegeben, getragen und gehütet wie Schätze. Heute hängen sie oft nur noch dekorativ in Stuben, wie Kunstwerke“, erklärt Rodenberg. Ein Umstand, den die Ausstellung mit ihrer Riegelhaubenwand auf geniale Weise aufgegriffen hat.
So opulent und verspielt der erste Eindruck auch wirken mag: „anders beTRACHTet“ meint wörtlich, was es verspricht. Der Clou der Schau: Viele Kleidungsstücke wurden auf links gedreht und bieten eine ebenso eindrucksvolle wie überraschende Einsicht in ihr Innenleben. Ein schwarzes Mieder etwa zeigt von innen seine Pedigrohr-verstärkten Nähkanäle, Tragespuren und Schweißränder. Ein Rock offenbart seine notdürftig ausgebesserten Stellen, andere Textilien ihre grob von Hand gesetzten Nähte, eine Weste gar eine geradezu pfiffig improvisierte Tasche für die Pfeife des Besitzers – Tabakspuren inklusive. „Man sieht das Leben in der Kleidung“, sagt Rodenberg. „Und man versteht, wie früher mit Textilien umgegangen wurde – anders als heute nämlich sorgsam, erfinderisch und nachhaltig!“ Wie die „Sammlung Tracht – Gwand – Mode“ als Institution erzählt auch die Ausstellung nicht nur von der Vergangenheit, sondern zeigt auch gegenwärtige Strömungen – um nicht zu sagen: Auswüchse…
Brauchtumsfanatiker würden die Nase rümpfen über das Badehosenmodell im Stile einer Lederhose. Andererseits beweist das graue Stoffhosen-Exemplar, das ebenfalls einer Lederhose nachempfunden wurde, dass solche Spielereien keineswegs dem heutigen Zeitgeist in die Schuhe geschoben werden können. Es stammt aus dem 20. Jahrhundert – aus seinen Anfangsjahren wohlgemerkt! Als „a rechts Glump“ dürfen wir aber gewiss das Faschingsdirndl für Männer aus 100 Prozent Polyester bezeichnen. Eins sollten wir dabei aber im Hinterkopf behalten: Der Umstand, dass sich Mannsbilder in ein Dirndl schmeißen, ist so neu nicht, wie ein Faschingsfoto von 1953 zeigt. Auch schräg gegenüber lässt sich wunderbar über die sogenannte Stilfrage streiten. Einigkeit dürfte darüber herrschen, dass die Loferl-Parade unterm Dackel-Porträt äußerst kreativ daherkommt. Wir sagen nur: Wadl-Wärmer in Bierkrugform…
War und ist sie nun Opfer oder Vehikel eines weltweiten Bayern-Klischees, die Tracht? Die Ausstellung beantwortet diese Frage nicht, stattdessen präsentiert sie besonders prägnante Exempel: eine Playmobilfamilie in Dirndl und Lederhose zum Beispiel, der Mann – natürlich – mit possierlichem Bierkrug in der Plastikpranke, während die Frau Weißwürste kredenzt. Stereotypen, die in Heimatfilmen auf die Spitze getrieben wurden. Aus den Plakaten tropft geradezu der Kitsch. Angesichts so schaurig-schöner Heimattümelei fragt man sich erneut: Was ist jetzt Tracht? Was bedeutet sie uns? Ein paar Antworten liefern – aus ihrer persönlichen Sicht – alte und junge Besucherinnen und Besucher. Auf einer Tafel versammeln sich handgeschriebene Gedanken von Grundschulkindern bis Trachtenvereinsmitgliedern. „Tracht ist das, was Erwachsene ins Bierzelt anziehen“, steht da neben „Heimat“, „Verbindung“ und „Handarbeit“. Verzwickt und zugenäht!
Vielleicht geht uns ja im Depot ein Licht auf? Es wurde nach dem verheerenden Hagelunwetter im August 2023 neu ausgebaut und beherbergt heute rund 20.000 originale Kleidungsstücke und Accessoires – von umgearbeiteten Unterröcken über Hutnadeln bis hin zu prachtvollen Gürteln mit Federkielstickerei. Die Sammlung ist nicht nur musealer Schatz, sondern auch Forschungsarchiv und Inspirationsquelle. „Wir tragen eine große Verantwortung“, sagt Rodenberg. „Textilien sind das fragilste Kulturgut, das wir kennen.“
Kuratorin Rodenberg sieht die Sammlung bewusst als Ort des Austauschs: „Wir wollen nicht nur bewahren, sondern ins Gespräch kommen. Was ist Tradition, was ist Verkleidung? Wo wird romantisiert, wo wird kritisiert? Welche Rolle spielt Tracht für unsere Identität?“ Wenn wir darüber diskutieren, schadet es nicht, sich vorab über eines klar zu werden: das Wort Tracht, so Rodenberg, sei ursprünglich synonym zum Begriff Kleidung verwendet worden. Es gab die Tracht des Königs, die Tracht des Bauern, die Tracht des Ritters, alle Kleidung war „Tracht“ – einfach abgeleitet von „tragen“.
Wer Lust hat, tiefer einzusteigen: Einmal im Monat bietet der sogenannte Textilsalon Möglichkeiten, sich mit genau diesen Fragen zu beschäftigen: bei Vorträgen, Workshops und Gesprächen zu Themen wie Mode, Handwerk und Heimat. Als spaßige Krönung könnte man in der Ausstellung dann die Riegelhaube suchen, die aussieht wie ein Charleston-Kleid.