Der Schäfflertanz, ein uralter bayerischer Brauch, der nur alle sieben Jahre stattfindet, wird 2019 erneut aufgeführt. Auch die Schäffler aus Kolbermoor schwingen wieder das Tanzbein.

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München, 1517. Die heutige Metropole gleicht einer Geisterstadt. Die Türen und Fenster sind verrammelt, die Straßen menschenleer. Nur vereinzelte Totengräber und Pesträucherer schleichen hie und da durch die einsamen Gassen. Die „schwarze Seuche“ hat tausende Menschenleben dahingerafft, die Überlebenden verschanzen sich in ihren Häusern, leiden Hunger und leben in dauernder Todesangst. Obwohl die Epidemie längst vorüber ist, wagt sich niemand hinaus auf die Straßen. Wahrlich trostlose Zeiten! Umso überraschender erklingt eines Tages fröhliche Musik auf den Straßen. Neugierig auf den Ursprung des heiteren Treibens öffnen die Münchner allmählich ihre Fenster und Türen. In farbenfrohen Kostümen, mit Trommeln, Pfeifen und großem Trara ziehen die Fassmacher durch die Gassen. Nach und nach trauen sich die Schaulustigen aus ihren Häusern und folgen der Truppe gen Marktplatz. Dort führen die sogenannten Schäffler einen Tanz auf, sehr zum Vergnügen der Zuschauer, die endlich wieder neuen Lebensmut fassen. Aus Dankbarkeit soll der Schäfflertanz fortan alle sieben Jahre aufgeführt werden.

Ob die Legende über die Entstehung des Schäfflertanzes der Wahrheit entspricht, lässt sich nicht belegen. Zweifelsohne ist es dennoch eine schöne Geschichte, aus der sich eine Jahrhunderte alte bayerische Tradition entwickelt hat. Und so tanzen die Schäffler auch heute noch – obwohl die Zunft mittlerweile nahezu ausgestorben ist – alle sieben Jahre wieder. Offen bleibt auch die Frage, woher dieser Turnus stammt. Die einen spekulieren, die Pest sei der Grund, da diese damals rund alle sieben Jahre ausgebrochen sein soll. Andere beziehen sich wiederum auf die Sieben als Glückszahl.

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Fotos: Foto Hornauer

Anfangs ein rein münchnerischer Brauch, tanzen inzwischen auch die Schäffler in Kolbermoor alle sieben Jahre

2019 tanzen sie wieder. Anfangs ein rein münchnerischer Brauch, ziehen inzwischen einige Schäfflergruppen durch zahlreiche bayerische Städte und Gemeinden und tanzen zu dem allseits bekannten Lied „Aba heit‘ is‘ koit“. Auch die Kolbermoorer Schäffler frönen dieser Tradition – und das bereits seit 1886. Neben den Münchner Schäfflern bekamen unter anderem auch die Kolbermoorer vom damaligen Prinzregenten Luitpold von Bayern ein königliches Dekret erteilt, das erlaubt, den originalen Schäfflertanz alle sieben Jahre zur Faschingszeit aufzuführen.

Bereits seit Oktober wird wieder fleißig geprobt – auch an diesem lauen Novemberabend. Zahlreiche Mitglieder des Trachtenvereins „Immergrün“ sowie die Panger Blaskapelle „Am Was‘n“ finden sich im Mareissaal ein. Ihre echte Schäfflerkleidung tragen die Tänzer freilich nicht an diesem Abend, denn die Reinigung ist aufwendig. Lediglich die grünen Samtkappen kommen zum Einsatz. Neben dem Schäfflermeister – Kolbermoors Bürgermeister Peter Kloo – besteht die Truppe aus 16 Tänzern, einem Fähnrich, zwei Fassträgern, einem Kronenhalter und natürlich den Kasperln, die das Publikum bespaßen und jedem, der nicht aufpasst, eine schwarze Nase verpassen.

Das Spektakel beginnt: Die Tänzer marschieren, große Buchsbögen tragend, in die Mitte des Saals und bilden einen Kreis. Der Schäfflermeister tritt in die Mitte und heißt das Publikum willkommen. Mit der ersten Tanzfigur, der „Königsschlange“, soll ein schlangenartiges Wesen beschrieben werden, schon zu damaliger Zeit ein Symbol für die Pest. Darauf folgt die „Laube“: Die Tänzer sammeln sich in der Mitte und bilden mit ihren Buchsbögen die Form eines Dachs. Diese Figur erinnert an die Furcht vor dem schwarzen Tod, welche die Menschen dazu veranlasst hat, sich in ihre Häuser zurückzuziehen. Die Verbundenheit zum christlichen Glauben und der Kirche versinnbildlicht die nächste Tanzfigur: das „Kreuz“, aus dem sich vier „Quadrillen“ bilden. Die Gruppen aus jeweils vier Tänzern drehen sich ineinander und symbolisieren damit die Zusammenkunft der Menschen nach Ende der Pest. Einen der Höhepunkte des Tanzes bildet die „Krone“, ein Symbol des damaligen Herrscherhauses der Wittelsbacher unter Herzog Wilhelm IV. Anschließend klopfen zwei der Schäffler – als Erinnerung an das Handwerk der Fasshersteller – im Takt der Musik auf ein Fass. Als krönender Abschluss folgt der „Reifenschwung“, bei dem der Schäfflermeister auf das Fass steigt und zwei Reifen, in denen jeweils ein Stamperl Schnaps steht, über seinen Kopf kreisen lässt – möglichst ohne einen Tropfen zu verschütten! Geht während der Probe ein Glas zu Bruch, muss eine „Straf-Maß“ spendiert werden. Dieselbe Prozedur wiederholt einer der Fasskasperl und ehrt den Tanzgeber mit einem lustigen Vers und einem dreifachen „Pfiffkas-Hoch“.

Vom Fass-Kasperl zum Schäfflermeister: Der Aufstieg von Peter Kloo, Kolbermoors Bürgermeister

Im Alter von 15 Jahren feierte übrigens Peter Kloo seinen ersten Auftritt als Schäffler. 1977 noch der Fass-Kasperl, trat er 1991 das Erbe seines Vaters als Schäfflermeister an. „Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich die Zeiten innerhalb von sieben Jahren verändern. Früher standen in der Mitgliederliste nur Name, Anschrift und Telefonnummer, mittlerweile hat jeder auch eine E-Mail-Adresse und eine Handynummer“, erzählt Kloo. Eine besondere Freude mache es, wenn die Zuschauer ihre Erinnerungen an frühere Tänze mit den Schäfflern teilen. Einige Familien buchen die Tänze schon seit Generationen für Geburtstage, Hochzeiten und andere Feierlichkeiten. Aber nicht nur Privatpersonen lassen die Schäffler antanzen, auch Firmen und Gemeinden klopfen an. Bis zu 20 Auftritte täglich haben die Männer an den Wochenenden vom 11. Januar bis 3. März. „Pro Tanz geht jeder von uns rund 700 Meter, da kommt bei so vielen Auftritten am Tag schon einiges zusammen“, so Kloo.

Los geht‘s am 5. Januar mit dem Schäfflerball im Mareissaal. Dann heißt es wieder „Aba heit‘ is‘ koit!“ Höchste Zeit also für ein Schnapserl zum Aufwärmen und ein dreifaches „Pfiffkas Hoch“ auf die Schäffler.