Der Fotograf und Künstler Lois Hechenblaikner beschäftigt sich mit den Schattenseiten des Massentourismus in seiner Heimat Tirol – und balanciert damit auf einem schmalen Grat.

Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Ischgl denken? Corona Hot Spot 2020? Oder, nach Jahren der Maskenabstinenz, der Ski-Zirkus, der in dem kleinen Wintersportort im Tiroler Paznauntal Jahr für Jahr aufs Neue seine Zelte aufschlägt? Zwischen 1981 und 2024 haben sich die Übernachtungen im Winter verzweieinhalbfacht: Von 520.364 auf 1.372.722 (trotz „Zwangspause“ im Jahr 2021). Die Sommer reichen nicht annähernd an diese Zahlen heran. Halbwegs nennenswert viele Gäste kamen zwischen 1981 und 1991 nach Ischgl. Spätestens seit den späten 90er Jahren ist Ischgl bekannt für Aprés Ski. Drei Lifte führen hinauf in die Berge, oben geht es schier endlos weiter. Es ist so wunderschön wie weitläufig. Glitzernder Schnee, wohin das Auge reicht. Ein Blick bis hinüber in die Schweiz, mit namhaften Dreitausender-Gipfeln wie Weißkugel, Wildspitze und Fluchthorn durchsetzt und dem einzigen Viertausender der Ostalpen vor der Nase, dem Piz Bernina. Doch an den Hütten kleben die Blicke an den Flaschen, die Hände an den Gläsern und drumherum spielt sich ein „hormoneller Second-Hand-Markt“ (Zitat Lois Hechenblaikner) in Skikleidung ab.

Lois Hechenblaikner
Fotos: Peter Neusser

Hechenblaikner ist als Fotograf und Künstler ein scharfer Beobachter der menschlichen Spezies, aber er ist auch ein Philosoph. Manche seiner Werke düpieren uns, obwohl sie uns streng genommen nur auf schonungslose Weise zeigen, was wir alle wissen oder wissen sollten. Seine Themen: das Klima, die Auswirkungen der Wintersportindustrie auf die betroffenen Orte, Tourismus im Spagat zwischen Bereicherung und Ausbeutung.

Ein Medium bezeichnete ihn einmal als „Störenfried“. Wir vermuten, insgeheim wurde er schon wesentlich öfter so tituliert. Dazu passt auch folgende Geschichte: Eine Fotoserie über die Konzerte der Zillertaler Schürzenjäger – und vornehmlich deren Fans –, die der Alpbachtaler über einen Zeitraum von 21 Jahren angefertigt hatte (er lässt sich oft und gerne  Zeit), durfte in Mayrhofen im Zillertal entgegen erster Zusagen letztlich doch nicht gezeigt werden. Die Obrigkeit befürchtete, das Image einer der beliebtesten Volksmusik-Maschinerien könne leiden. Stattdessen: Absage. Dabei sind Hechenblaikners Werke  keine platten Anklagen. Er versucht vielmehr, auf tiefgründige und intelligente Art und Weise auf Missstände und Schieflagen aufmerksam zu machen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass der Tourismus – bei allem Guten, was er in die Regionen bringt – auch seine Schattenseiten hat.

Fotos: Lois Hechenblaikner

Hechenblaikner wurde 1958 im Alpbachtal in einen Tourismusbetrieb hineingeboren. Seine Mutter führte eine Pension und ein Kaffeehaus und Lois begann schon als Kind damit, das Pensionsgeschehen und die Gäste zu beobachten. Die Pension sei ein Selbstläufer gewesen, erzählt Hechenblaikner. „Die Leute sind immer zur Anna gekommen.“ Seine Mutter habe als gastronomische Mutter Theresa gegolten. „Mütterliche Nestwärme“ konnte man sich hier holen. 

Österreich als Destination lag uns Deutschen nicht nur geografisch nahe, nach dem zweiten Weltkrieg, als die Leute endlich wieder ein bisschen Geld für Urlaub ausgeben konnten. Es war obendrein günstig  und man sprach dieselbe Sprache. Aber nicht nur die Gäste profitierten. Für viele Frauen sei der Betrieb einer Pension auch eine Stärkung des Selbstwertgefühls gewesen, unterstreicht der Fotograf. Auch wenn viele sich nach der Wintersaison häufig wieder „herrichten lassen“ mussten. „Sich herrichten lassen“ dient als verklausulierte Bezeichnung für das Beanspruchen psychologischer oder psychiatrischer Hilfeleistungen – Therapie, Medikamente, Klinik. 

Dass der Tourismus für Österreich einer der wichtigsten Wirtschaftszweige ist, darüber muss man nicht diskutieren. Nach den Corona-Knicks befindet sich die Branche wieder im Aufschwung, im Vergleich zum Vorjahr wurden 2024 rund eine Million Übernachtungen mehr verzeichnet – alleine aus Deutschland. Die Deutschen sind Spitzenreiter unter den Österreich-Urlauber:innen. Glaubt er, dass sich die Branche anders entwickelt hätte, wenn der Klimawandel schon sehr viel früher in aller Munde gewesen wäre? „Nein“, sagt Hechenblaikner. „Man hatte die Chance, die Erderwärmung ist ja kein ganz neues Phänomen.“ Allerdings habe das Fehlen unmittelbarer Konsequenzen vermutlich dazu beigetragen, dass die Augen verschlossen blieben. 

Fotos: Lois Hechenblaikner

Hechenblaikners aktuelles Projekt spielt sich in einem Speichersee in Ellmau am Hartkaiser ab: 281 Ski hat er zu einem Viertel ihrer Länge senkrecht im Wasser versenkt und mithilfe einer unsichtbaren Unterwasser-Konstruktion befestigt. Für ihn haben Ski schon immer eine eigene Ästhetik, er empfindet sie als höchste Industrie- beziehungsweise Fertigungskunst. Und damit viel zu schade zum Wegwerfen! Seine Idee: Warum nicht Upcycling betreiben und die Ski zum Kunstobjekt hochstufen? Gesagt, getan – Hechenblaikner ging auf Ski-Jagd. Und als das Land Tirol die Ausschreibung für neue Projekte im Rahmen der Förderschiene „Kunst im öffentlichen Raum“ zum Thema „Störfaktoren“ veröffentlichte, schlug die Stunde der schwimmenden Ski. 

Nach Testläufen und der Evaluation der bestmöglichen Befestigungsvariante im Achensee landete die Installation im Speichersee am Hartkaiser bei Ellmau. Hier hat der Klimawandel schon unmittelbare Auswirkungen auf den touristischen Betrieb. Darauf wolle er hinweisen, sagt der 67-Jährige. Im Ötztal oder auch im Paznauntal werde man das gewohnte Treiben noch länger aufrechterhalten können, auch wenn sich die Erderwärmung dort ebenfalls schon zeige. Aber diese Gebiete liegen höher und profitieren noch von ihrer Lage. Das kann das Kaisergebirge nicht von sich behaupten. Wintersportorte wie Ellmau, Scheffau oder auch St. Johann stehen vor immensen Herausforderungen. Eins ist Hechenblaikner wichtig: „Die Installation soll keine Anklage sein, vor allem nicht der Bergbahnbetreiber! Wir alle tragen mit unserem Lebensstil dazu bei, den Klimawandel zu beschleunigen.“ Deswegen hat es ihn umso mehr gefreut, dass Johannes Winkler, der Geschäftsführer der Bergbahnen Wilder Kaiser, ihm diesen Speicherteich für seine Installation zur Verfügung gestellt hat. 

Fotos: Lois Hechenblaikner

Mit der Fotografie beschäftigt sich der Alpbachtaler, seit er 23 ist, mit der Beobachtung von Menschen schon immer. Sein Aufwachsen in einem Pensionsbetrieb machte seine Laufbahn wahrscheinlich erst möglich. Er ist ein Insider, er weiß, wie der Hase im Tourismusgeschäft läuft, und wie wichtig dieser Zweig für die österreichische Wirtschaft ist. Einen Teufel würde er tun, diesem Zweig zu schaden. Dennoch sehen manche nur diese Botschaft, hören lediglich eine Klage. Was bei jemandem ohne touristischen Hintergrund halt reflexartig angenommen würde: Er/Sie wolle dem  Tourismus schaden. Das kann man Hechenblaikner nicht so ohne Weiteres vorwerfen.   

Im Falle der „Schnee von Morgen“-Installation in Ellmau sind die Bergbahnen Wilder Kaiser ein Risiko eingegangen, Tiroler Herkunft des Künstlers hin oder her. Der Speichersee ist ein beliebtes Fotomotiv, in dem sich bei entsprechender Witterung zusätzlich zum blauen Himmel auch die umliegenden Berge spiegeln. Die senkrechten Ski, die jetzt im Wasser reflektiert werden, sind – rein ästhetisch betrachtet – mindestens interessant, auf den zweiten Blick bilden sie sogar ein recht spektakuläres Bild, das sich vor allem den Gästen eines nahen Bergrestaurants bietet. Erst im dritten Anlauf offenbart sich die tiefere Botschaft. 

Fotos: Lois Hechenblaikner

Das Wasser, in dem sich die Ski befinden, wird in der Wintersaison wieder zu Schnee, der benötigt wird, damit die Latten Richtung Tal sausen können. Eben der „Schnee von Morgen“. Johannes Winkler: „Wir lassen kritische Erörterungen zu, leugnen den Klimawandel nicht. Seien wir ehrlich, ohne Beschneiung ist Skifahren kaum mehr möglich.“ Man könne ja die Berge rund um den Wilden Kaiser nicht einfach höher bauen, so die entwaffnend verschmitzte Ergänzung Hechenblaikners.

Sein fotografisches Werk beschäftigt sich übrigens nicht nur mit dem Massentourismus oder der Volksmusik-Szene. Eine seiner Serien behandelt das Abschmelzen der Gletscher. „Gletscherpathologie“ hat er die genannt, basierend auf jenen weißen Abdeckungen, die über die Gletscher gelegt werden, um die Sonneneinstrahlung zu reflektieren und damit das Eis zu schützen. Da kann man schon Leichentücher assoziieren. Eine andere Serie handelt von internen Notizen eines Grandhotels im Schweizer Engadin: „Keine Ostergrüße mehr!“ bildet genau das ab, wonach es klingt: Die Gästekartei mit entsprechenden Vermerken. 

Als Autodidakt hat sich der Tiroler das Fotografieren selbst beigebracht. Angefangen hat er mit Reisefotografie, hielt auch Vorträge, bei denen er anhand seiner Bilder die (vornehmlich asiatischen) Länder vorstellte. Irgendwann unternahm er den zwangsläufigen Schritt und vereinte die Fotografie mit jener Beobachterposition, die er sein ganzes Leben bereits eingenommen hatte. 

Mittlerweile hat der Reither mehrere Bücher veröffentlicht und seine Bilder auf unzähligen Ausstellungen gezeigt. Die Installation „Schnee von Morgen“ kann bis 2. November 2025 im Speicherteich in Ellmau am Hartkaiser betrachtet und natürlich fotografiert werden. „Dadurch, dass die Ski ‚schwimmen‘ und diese Spiegelung entsteht, ergibt sich ein hochästhetisches Bild“, sagt der Künstler. „Wären sie nicht im Wasser, wärens einfach nur Ski.“ Und wäre es nicht Lois Hechenblaikner, wäre es einfach nur eine Klage. 

www.hecheblaikner.at