Zwischen Mythos und Ironie, Backstage-Wohlfühloase und regionalem Herzblut: Das Rosenheimer Sommerfestival beweist, dass Legenden nicht nur geboren, sondern geschaffen werden – mit Mut, Musik und Teamgeist.
Ein lauer Abend, mitten im Juli, mitten in Rosenheim. Als Carlos Santana seine ersten Akkorde spielt, raunen viele dieses Wort, das sinnbildlich für die Essenz purer Festivalfreude steht: Woodstock. Kaum zu glauben, dieser Veteran der Rockmusik hat mit seinen unnachahmlichen Klängen schon die Urmutter aller Festivals begattet. Nun stolziert er lässig über die Bühne im Mangfallpark und schrammelt Welthits am laufenden Band – von Samba Pa Ti bis Supernatural. Als anderntags „Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys“ ihre ebenso kultige wie augenzwinkernde Italo-Schlager-Show abziehen, fühlen wieder einmal alle: Hier wird Legenden nicht nur erinnert, hier wird an einer Legende geschrieben!
Bleiben wir vorerst bei Carlos Santana. Um seinen Stellenwert auch allen der Rock‘n‘Roll-Geschichte unbewanderten klarzumachen: Der 78-Jährige hat zehn Grammy Awards gewonnen, über 100 Millionen Platten verkauft und mit Supernatural eines der meistverkauften Alben aller Zeiten geschaffen. Wenn so einer auftritt, ist das mehr als ein Konzert – es ist fast ein religiös anmutendes Ritual. Sein einzigartiges Spiel, dieser mal singende, mal jaulende, jedenfalls immer virtuose Gitarrenton, füllte den Mangfallpark mit etwas, das man schwer beschreiben kann: eine Verbundenheit vielleicht, mit der Vergangenheit, mit diesem unerreichten Traum von „Peace and Love“, mit allen, die jemals jenen zeitlosen Soli lauschen durften. Jede Note eine Geschichte.
Alexandra Birklein, Mitorganisatorin des Festivals und vor allem fürs Booking zuständig, lächelt, wenn sie an diesen Abend denkt: „Santana war ein Herzenswunsch. Wahrscheinlich sein letzter Europa-Auftritt – und wir durften ihn hier haben. Das war ein Gänsehautmoment.“ Er, der einst die hunderttausend schlammbedeckten Hippies in Woodstock elektrisierte, schwitzte für läppische 10.000 Menschen in der kleinen Innstadt. Kein großes Stadion, keine TV-Kameras – und trotzdem bot der alte Gitarrengott alles auf, was er noch in den Zauberfingern hatte. So einer spricht nicht viel zwischen den Songs, warum auch, die Musik spricht ja für sich. Eine universelle Sprache, die nur Legenden sprechen.
Augenzwinkern und Italo-Schmelz: Roy Bianco und die Abbrunzati Boys
Vorhang. Dann ein neuer Tag. Die gleiche Bühne – und doch eine komplett andere Welt: Seide statt Spiritualität, Weißwein statt Weihrauch. Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys feiern das große Revival des Italo-Schlagers – mit Augenzwinkern, Glitzer und unbändiger Spielfreude. Sie nennen sich selbst die „Erfinder des Italo-Schlagers“, haben sich zur Untermauerung ihrere „Legende“ eine fiktive Bandgeschichte samt Trennung, Comeback und Welttournee ausgedacht – und ziehen damit Tausende in ihren Bann. Spätestens wenn sich bei ihren Konzerten ein Kreis im Publikum öffnet – kein Moshpit, sondern der weltberühmte „Schlagerstrudel“ – ist der Funke übergesprungen. „Die Jungs sind Kult – aber sie sind auch Musiker durch und durch“, sagt Birklein. „Sie spielen mit Nostalgie und Ironie, aber auf hohem Niveau. Das ist höchst Popkunst.“ Die Show in Rosenheim war ausgelassen und liebevoll zugleich: goldene Trompeten, Pailletten, Pathos – diese charmante Übertreibung, die schon wieder echt wirkt, unprätentiös, weil in jeder Geste Amore steckt. Ist nicht auch das ein Kern des Legendenbegriffs: dass er zwischen Wahrheit und Erzählung changiert?
In Rosenheim zeigt sich: Wie Blumen das Wasser, bedürfen auch Legenden besonderer Hege und Pflege, um sich voll entfalten zu können. Die bekommen sie auf dem Sommerfestival Backstage, wo ein fast familiärer Spirit herrscht. Florian Englert, Geschäftsführer der Rosenheim Event GmbH, und Alexandra Birklein sorgen mit einem ganzen Team dafür, dass Stars und Publikum sich gleichermaßen wohlfühlen. „Wir fühlen uns als Gastgeber, nicht als Eventagentur“, sagt sie lachend. „Vielleicht ist das unser Geheimnis.“ Hinter der Bühne duftet es nach gegrillten Scampis, der Caterer informiert sich vorab über die Lieblingsspeisen der Künstler:innen, und manchmal muss auch mitten in der Nacht ein Hotelzimmer für eine beschwipste Sängerin organisiert werden, die ihren Tourbus verpasst hat. „Da telefonieren wir halb Rosenheim ab, bis irgendjemand eine Lösung gefunden hat.“
Über 150 Mitarbeitende
Diese Mischung aus Professionalität und Herzlichkeit ist das, was das Festival so besonders macht. Über 150 Mitarbeitende sorgen für einen reibungslosen Ablauf – von der Sicherheit über Technik bis zu den freiwilligen Helfer:innen. Viele sind seit Jahren dabei. Wenn ein Truck im Stau steckt, springt jemand mit dem eigenen Bus ein. Wenn der Regen kommt, werden Planen gespannt, als wäre es ein reflexhaftes Ritual. Und wenn der Abend perfekt läuft, sitzen Birklein und Englert nach Konzertende noch mit den Weltstars in der Lounge, lauschen dem glücklich vom Gelände schwärmenden Publikum und lassen die Korken knallen. Kein Wunder, dass Bands wie die Fantastischen Vier zu Wiederholungstätern werden! Auch Roland Kaiser ließ sich nicht lang um ein Da Capo bitten.
Das eigentliche Kunststück sind aber Namen wie Sting, Simply Red, The Scorpions, Deep Purple, OneRepublic – und eben Santana. Gigs, die normalerweise auf ihren Welttourneen nur in Metropolen gastieren Ein Line-up, das zeigt, dass Weltformat und Kleinstadtgröße sich nicht ausschließen. „Viele Agenturen wissen mittlerweile: In Rosenheim stimmt alles – vom Sound bis zum Catering“, sagt Birklein. „Und die Künstler erzählen das weiter.“
Am nächsten Kapitel schreibt Birklein schon: 2026 kommen unter anderem Peter Maffay, eine Ikone der deutschen Rockmusik und Kool & the Gang, die Funk-Legenden aus den USA, die seit den 1970ern ganze Generationen tanzen lassen. Das schlägt doch einen schönen Bogen: vom spirituellen Santana über die selbstironischen Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys bis zu zwei Acts, die auf ihre Art dasselbe verkörpern: musikalische Langlebigkeit, Haltung und unsterbliche Spielfreude. Die werden sicher auch SDP, Sarah Connor sowie Edmund und RIAN nicht vermissen lassen. Vielleicht ist das das Geheimnis des Rosenheimer Sommerfestivals: Es bringt die unterschiedlichsten Arten von Legenden zusammen. Und es beweist, dass sich große Geschichten nicht in Los Angeles oder London abspielen müssen. Manchmal reicht ein Festival in einer oberbayerischen Kleinstadt. Man muss es nur ebenso liebevoll wie engagiert organisieren.
Infos/Tickets: sommerfestival-rosenheim.de