Vorbild: Tiger Woods. Alter: 8. Handicap 16,9. Rang sechs in Bayern. Valentin Berger liebt den Golfsport. Die Mischung aus Talent, Fleiß und Unbekümmertheit führt ihn bald in die USA.

Wir treffen ihn zuerst drinnen, im Clubhaus. Ein schmales Kerlchen, die Basecap seines allerersten Sponsors lässig über den Kopf gezogen. Seine Füße baumeln knapp über dem Boden, die Antworten fallen kurz aus, immer wieder guckt er hinüber zur Mama. So nach dem Motto: „Kannst du nicht einfach antworten?“ Er wirkt schüchtern – klar, das ist sein erstes offizielles Interview; etwas gelangweilt wirkt er nach ein paar Minuten auch – ebenfalls nachvollziehbar, schließlich steht in Sichtweite die Standbag, seine Golftasche, aus der ihn ein gutes Dutzend Schläger ebenso sehnsuchtsvoll wie motiviert anstarren. Einer trägt eine Super-Mario-Haube, ein anderer ein Tigerfell auf dem Schlägerköpfchen. Acht Jahre ist Valentin Berger alt, seit vieren spielt er schon Golf – und er tut das mit so viel Lust und Talent zugleich, dass wir dem Scharren seiner Hufen gern nachgeben, um ihm nach draußen auf die Driving Range zu folgen. Hier liefert er uns ein paar Kostproben seines Könnens. Faszinierend – kaum hat der Bub einen Schläger in der Hand, findet eine Verwandlung statt. Er taut komplett auf, zwischen den Schlägen sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus. 

Linien, Winkel, Balance, Daumen: Jeder gute Schlag beginnt mit der richtigen Handhaltung.
Fotos: Topel

Worauf er achtet, wenn er sich auf den Schwung vorbereitet, fragen wir zum Beispiel. „Schau“, sagt er – und setzt zu einer geradezu wissenschaftlichen Erklärung an. Wie die Hände den Schläger zu greifen haben, welchen gedachten Linien die Daumen folgen, wie er die Füße im 90-Grad-Winkel zum Ziel platziert. Dann: ein letzter, prüfender Blick. Er geht leicht in die Knie, der Oberkörper kippt minimal nach vorn, die Wirbelsäule bleibt gerade. Alles wirkt ganz selbstverständlich, fließend, wie tausendmal geübt. „Und die Kraft?“ fragen wir, „woher nimmst du die?“ „Die kommt aus dem Körper“, sagt er. Er dreht sich demonstrativ ein, lässt die Schultern mitarbeiten, nicht nur die Arme. Er absolviere da extra ein auf ihn abgestimmtes Training, erzählt er stolz. Wie er da Ball um Ball hinaus in die Weite der um diese Jahreszeit noch matschig vor uns liegenden Range drischt, legt er eine faszinierende Mischung aus Verspieltheit und Ernsthaftigkeit an den Tag, aus Fokussiertheit und Freude. 

Kaum hat Valentin den Schläger in der Hand, wird aus einem schüchternen Buben ein konzentrierter Athlet.
Fotos: Topel

Inzwischen scheint er warm zu sein. Er schnappt sich einen Driver, jenen Schläger mit riesigem Kopf, der dazu gedacht ist, auf langen Bahnen eine erste, möglichst enorme  Distanz zurückzulegen. Valentin holt aus, schlägt – und der Ball steigt in einer sauberen, für uns überraschend flachen Linie in den Himmel über Maxlrain. Ein sattes Ding. „Der war über 100 Meter“, stellt Valentin nüchtern fest und guckt fragend zu Mama Julie. Die nickt lächelnd. Dass ihr Bub mehr als bloß kindliche Begeisterung für den Golfsport entwickeln würde, musste sie sich schnell eingestehen. Mit drei Jahren bekam er im Golfclub zum ersten Mal einen Schläger in die Hand. Ein „kleiner Stopsel“ sei er da noch gewesen, erinnert sich Clubmanagerin Alexandra Sturm, der aber unbedingt selbst ausprobieren wollte, was der Vater da jedes Wochenende exerzierte. Sturm grub irgendwo einen kleinen Putter aus, Valentin fand sofort Gefallen am Spiel – und zwar nachhaltig. Während andere nach wenigen Versuchen das Interesse verlieren, fragte er zuhause: „Papa, wann gehen wir wieder?“

Hier spielt die Musik

Der Papa, das ist Florian Berger. Gebürtiger Rosenheimer, Trompeter und Meisterklassenschüler mit Auszeichnung an der Hochschule für Musik und Theater in München. Er war 1. Solotrompeter am Stadttheater Aachen, wechselte ans Gärtnerplatztheater, spielte mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, mit den Münchner Philharmonikern, dem Bayerischen Staatsorchester. 2014 erhielt er den Titel „Bayerischer Kammermusiker“.

Als Solotrompeter weiß Berger, was Präzision bedeutet. Welche Rolle Atemkontrolle, Körperspannung und Timing spielen. Ein Einsatz sitzt – oder eben nicht. Ganz ähnlich wie beim Golfen. Auch hier entscheidet der Moment. Eine minimale Abweichung im Winkel des Schlägerkopfes, ein zu früher Impuls aus den Schultern, und der Ball fliegt nicht dorthin, wo er soll. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Valentin präzise Bewegungen so nimmermüde übt; dass er Wind und Bodenbeschaffenheit als mit einzuberechnende Faktoren wahrnimmt, während unsereins nur Wetter und Wiese sieht.

Rückhalt von Anfang an: Mutter Julie begleitet ihren Sohn – mit Begeisterung, aber ohne Druck.
Fotos: Topel

Valentins Mutter Julie sorgt für eine Art Gegenpol zum früh erwachten Ehrgeiz. Für Balance und Erdung. „Hauptsache, du hast Spaß“, bläut die Musiklehrerin dem Sohnemann als wichtigste Devise ein. Damit sie alle Spaß dran haben, hat sie selbst letztes Jahr die Platzreife gemacht. Nur den Fahrdienst spielen oder Daumen drückend herumstehen, wäre auf Dauer schließlich auch fad. Die Eltern unterstützen Valentins Ambitionen, aber üben keinerlei Druck aus, schmieden keine Karrierepläne für den Junior. Der Vater spielt selbst leidenschaftlich, das schon – aber es ist Valentin, der nach den Hausaufgaben fragt, ob man bitte, bitte noch schnell rüber zum Platz düsen könne.

Mit sechseinhalb bestritt er sein erstes Turnier im Rahmen des Mini Team Cups des Bayerischen Golfverbands. Das sind umsichtige Einstiege in die Wettkampfwelt, mit grünen Kinderabschlägen weiter vorne auf dem Fairway, mit angepassten Distanzen, damit Technik wichtiger bleibt als Kraft. Heute trainiert Valentin viermal pro Woche, im Sommer auch öfter. Zwei Stunden am Tag sind keine Seltenheit. Lange Schläge, kurze Schläge, Chippen, Putten, sogar Mentaltraining gehört dazu. Der Fleiß spiegelt sich in den Resultaten wider: Platz sechs von 150 Kindern in der BGV-Rangliste. Handicap 16,9. Mehrfacher Bruttosieger in seiner Altersklasse. Sieger der US Kids Local Tour in München und Tirol. 

Stolz, aber nicht übermütig.
Fotos: privat

Und das bisherige Highlight: Letztes Jahr durfte er an der U.S. Kids European Championship in Schottland teilnehmen – als bester Deutscher seiner Altersklasse. Er legte drei Runden mit 41, 41 und 42 Schlägen aufs „Parkett“ aus Abschlag, Fairway und Grün. Kein einziges Doppel-Bogey. (Für Nicht-Golfende: Ein Ergebnis von genau zwei Schlägen über Par. Das Professional Average Result wiederum bezeichnet die Schlagzahl, die ein quasi fehlerloser Spieler theoretisch benötigt, um einzulochen.) Valentins Leistung  bedeutete die Qualifikation für die World Championship in Pinehurst, USA, unter Golfer:innen auch als Mutter aller Golfresorts bekannt. Im Herbst gehts also erstmals in das Land seines großen Vorbilds: Tiger Woods. 

Um optimal vorbereitet zu sein, kann er er den Frühling und konstant trockenes Wetter kaum abwarten. (Naja, streng genommen ist es Mama Julie, die auf schönes Wetter hofft – Valentin scheut weder Regen, noch Schnee, Hauptsache, er kann golfen.) Sein „Heimplatz“ in Maxlrain ist nicht der schlechteste Ort, um die Freizeit zu verbringen: 140 Hektar Parklandschaft, mit über 200 Jahre alten Eichen, Teichen und Wasserläufen zu Füßen eines schmucken Renaissance-Schlosses. Der Club ist Mitglied der „Leading Golf Courses of Germany“, zertifiziert im Programm „Golf & Natur“ – und beliebt bei Familien. Rund 95 Kinder trainieren aktuell hier, vom Bambini-Training bis zum Kader. Geleitet wird die Golfschule von PGA-Professional Max Tschinkel.

Golf, sagen die Verantwortlichen, gelte hier nicht als elitäres Ritual, sondern als Sport für alle; ein Sport, der Jungs wie Valentin Eigenschaften wie Geduld, Disziplin oder mentale Stärke lehrt. Sein „Lieblingstrainer“, Pro Justin Walsh, lobt die außergewöhnliche Konzentrationsfähigkeit seines Schützlings, die Fairness und dessen Freude am Wettkampf.  Nicht zuletzt zeichnet ihn – bei allem Talent – eine bemerkenswerte, fast stoische Ruhe aus. „Ich fokussiere mich immer auf den nächsten Schlag“, sagt Valentin. Erst das Tee in den Boden drücken. Dann den Ball auflegen. Ein paar Probeschwünge. „Schauen, wo ich hinschlag.“ Und erst, wenn er sich sicher ist: schlagen. Keine Hektik, kein Drauflos. Die Abläufe folgen einer geradezu kontemplativen Routine Vielleicht ist es das, was das Golfen ihm über den Sport hinaus beibringt – diese gesunde Mischung aus denken, fühlen und handeln. Als wir uns verabschieden, steckt er noch einmal ein Tee in den Boden, prüft das Ziel, geht leicht in die Knie, holt aus, schlägt. Klock. Der Ball steigt auf in den Himmel über Maxlrain – und Valentin verfolgt ihn mit den Augen. Wir: schon vergessen; er: selbstvergessen, ja selig.