Sieben Jahre nach meinem ersten Besuch kehre ich an einen Ort zurück, an dem noch immer alles nach Josua Reichert aussieht – und zugleich etwas ganz Neues beginnt. Enkelin Laura und Sohn David sichten, ordnen und archivieren das Werk des großen Typografen; und Laura schlägt einen eigenen künstlerischen Weg ein, zum Teil inspiriert von des Großvaters Werk.
Sieben Jahre sind vergangen, seit ich diesen Ort zum ersten Mal besucht habe. Rein äußerlich hat sich nicht viel verändert: Drin, im Haus, hängt immer noch viel Kunst an den Wänden und stehen unzählige Bücher in ihren Regalen; draußen darf sich der Garten nach wie vor eine gewisse Wildheit bewahren. Der Rhododendron streitet sich mit einem Ginkgo darum, wer als erster und imposanter in Blüte stehen wird, das Gras scheint den Rasenmäher nicht wöchentlich fürchten zu müssen. Wir nehmen auf der Terrasse Platz. Wie damals, im Spätsommer 2019, sind wir zu dritt. War es vormals Gin Tonic, bietet mir Celia Reichert heute ein Schlückchen Prosecco an. Sich selbst gießt die zwar hochbejahrte, doch nach wie vor herrlich gewitzte Dame ein Tässchen Tee ein. Wieder landet das Gespräch schnell bei der Literatur.
Goethe, Mann, Reichert
Wie es Bruder Zufall will, lesen wir gerade das gleiche Buch: „Wenn die Sonne untergeht – Familie Mann in Sanary“ von Florian Illies. „Etwas unübersichtlich“ findet Celia Reichert die Mannsche Familienbande. Wir arbeiten uns auf jeden Fall vorwärts in der Literaturgeschichte, beim letzten Mal war es Goethe, der unsere Fachsimpeleien beherrschte. Alles wirkt so vertraut – und doch ist alles ganz anders. Denn Celia ist die Witwe von Josua Reichert. Hier in Haidholzen, einem Ortsteil von Stephanskirchen im Landkreis Rosenheim, lag (und liegt) die Werkstatt (respektive das Atelier) des 2020 verstorbenen Ausnahmekünstlers. Seinen Platz nimmt heute Enkelin Laura ein.
Von der Terrasse aus sind es nur ein paar Schritte hinüber zur Werkstatt. Sie schließt direkt ans Haus an, ähnlich wie bei „gewöhnlichen“ Menschen die Garage. Seit ein paar Monaten tauchen Laura und ihr Vater David Reichert, ein in München ansässiger Architekt, nach Möglichkeit einmal pro Monat für ein ganzes Wochenende in diese nach Josuas Tod viele Jahre unangetastet gebliebene Welt ein – einerseits um sich einen Überblick zu verschaffen, andererseits um professionelle Ordnung in das hier auf Tischen, in Regalen, Kisten, Schränken und Schubladen lagernde Werk (respektive Chaos) zu bringen.
Ein magischer Ort
Dosen, Gläser und Tuben mit eingetrockneten Farben und Farbmixturen; unzählige Druckwalzen in den unterschiedlichsten Größen, mit Gummirollen sowie Holz- beziehungsweise Metallgriffen; ein antiquarischer Apothekerschrank voller Bleisatzlettern; von der Decke hängende, hölzerne Trocknungsgestelle für Papier; eine tonnenschwere Druckerpresse aus dem Hause Krause; leere Bilderrahmen in allen erdenklichen Formaten; an einem Kleiderhaken ein beiger Anorak und jener Fischerhut, den Josua Reichert gern bei der Arbeit trug. „Nach seinem Tod haben wir fünf Jahre lang nichts angerührt. Es war seine Wirkungsstätte, sein Labor, sein Freiheitsort – wir haben uns nicht getraut, das zu stören“, erzählt David Reichert, der sich noch gut an diesen typischen Geruch nach Farbe erinnert, als das Vater-Tochter-Gespann sich schließlich doch heranwagte an diese seltsame Mischung aus Ordnung und Chaos. „Ein Ort mit einer gewissen Magie.“
Diese magische Aura habe sie als Kind durchaus auch gespürt, erinnert sich Laura, obwohl ihr keineswegs bewusst gewesen sei, dass „Opa Jo“ als Künstler von Weltrang reüssierte. Als kleines Mädchen habe sie Haus und Garten einfach „irgendwie als sagenumwoben und verwunschen“ empfunden, und wenn der Großvater hinüberging in seine Werkstatt hätte sie ihn eigentlich gar nicht stören dürfen, habe sich aber doch immer wieder hineingeschlichen, weil die Gerüche und Farben und Materialien einen unwiderstehlichen Sog ausübten. „Manchmal habe ich dann Blatt und Stift bekommen und durfte malen, während Jo gearbeitet hat.“
Drucker, Typograf, Künstler, Perfektionist
An dieser Stelle sollte man diese „Arbeit“ wohl noch einmal kurz erläutern. Josua Reichert hat ja nicht einfach nur „gedruckt“, obwohl er sich – wissend, dass es sich dabei um ein fast unverschämtes Understatement handelt – als Drucker und Typografen bezeichnet hat. In Wirklichkeit hat der gebürtige Stuttgarter Texte genommen und sie aus ihren Büchern herausgelöst –Buchstabe um Buchstabe. Die setzte er sodann neu und in faszinierende (Farb-)Beziehungen zueinander. Dabei arbeitete er nicht nur mit unterschiedlichen Alphabeten und Sprachen, er stellte obendrein viele seiner Werkzeuge eigenhändig her und arbeitete oft unter vollem Körpereinsatz. Etliche Schablonen und Lettern aus Holz, Linoleum oder Plexiglas liegen noch in der Werkstatt. „In gewisser Weise war er mit seiner unbedingten Hingabe und seinem Anspruch an seine Arbeit ein Perfektionist“, sagt David Reichert, der ein ambiges Verhältnis zum berühmten Vater zu pflegen scheint.
Einerseits spürt man den Respekt, wenn er die Akribie und die Eigenständigkeit der Künstlerperson beschreibt: „Josua hat in seiner Kunst nie etwas gemacht, was er nicht wollte. Er hat sich seine Themen selbst ausgesucht und zu nichts überreden lassen, auch nicht für Geld. Es musste immer genauso werden, wie er es für richtig hielt.“ Andererseits scheint der Künstler oftmals die Vaterrolle vergessen zu haben. Von Erziehung, so David Reichert, habe Josua herzlich wenig verstanden. Trotzdem habe der Vater ihn sehr geprägt, durch bestimmte Eigenschaften, Verhaltensweisen oder Prinzipien, die er, der Sohn, sich dann abgeschaut habe: „Identifizierung mit dem eigenen Tun und Handeln, Seriosität und ein grundsätzlicher Optimismus.“ Er habe, so David Reichert, keine Empfehlungen oder Ratschläge für seinen Lebensweg erhalten – außer einen etwas launigen: „Tu immer das Gegenteil von dem, was ich mache!“ Hat nicht ganz geklappt, gibt David Reichert (gleichfalls launig) zu. „Eigenständigkeit und Kunst spielen in meinem Leben als Architekt eine wesentliche Rolle. Und ich habe versucht, das auch an Laura weiter zu vermitteln.“
Kunsthistorikerin, Architekt – Fotografin
Das kann Laura nur bestätigen – und tut das ebenfalls launig. (Den gleichen Humor, das kann ich bestätigen, teilt sich auf jeden Fall jede Generation Reichert …) Als Kind und Jugendliche, sagt Laura, habe sie die „unfreiwillige Einführung in Kunst und Architektur“ eher wenig zu schätzen gewusst. Die Mutter Kunsthistorikerin, der Vater Architekt – „ich hatte überhaupt keine Chance, dem zu entrinnen“, sagt sie und zwinkert. Was im Rückblick fast wie eine gezielte ästhetische Frühförderung klingt, empfand Laura lange eher als Zumutung. Familienurlaube bedeuteten selten Strand und „chillen“, sondern führten nach Rom, nach Venedig, in Kirchen, Museen, auf die Architekturbiennale. Während andere Kinder Eis aßen, stand sie sich vor Fresken, Fassaden und Skulpturen die Beine in den Bauch. „Ich konnte als Teenager überhaupt nichts mit dem Zeug anfangen“, sagt sie. „Ich hab mich eher dagegen gesträubt.“ Dass sich dieser Widerstand irgendwann in Wohlgefallen auflösen würde, ahnte sie damals nicht.
Sehnsuchtsort Australien
Nach dem Abitur macht sie erst einmal das, was sie sich schon als Kind vorgenommen hatte. In der zweiten Klasse, im Kunstunterricht, sollte sie einen Sonnenuntergang malen, davor in schwarz die Silhouette eines Gebäudes. Die Lehrerin stellte einige zur Auswahl, doch Laura entschied sich für das Opernhaus von Sydney. Diese aberwitzige Form wie ein gezacktes Segel: „Ich hab mir gedacht: Das muss ich mir in echt anschauen!“ Und der Gedanke lässt sie die gesamte Schulzeit nicht mehr los. 2017, kurz nach Abi und bestandener Führerscheinprüfung, kauft sie sich ein One-Way-Ticket nach Down Under. Sie bleibt mehrere Monate, lebt in Sydney, reist, jobbt, fotografiert, filmt, stellt ihre Eindrücke auf Youtube. „Ich glaube, wenn ich nicht dort gewesen wäre, wäre ich heute nicht die Person, die ich bin“, sagt sie.
Australien wird zu einer Art Wendepunkt: Laura findet Gefallen an der eigenen Selbstständigkeit, an Offenheit, daran, Dinge einfach anzupacken und durchzuziehen. Da, sagt der Vater, scheine eindeutig Josua durch. Auch Laura zeichne „eine gewisse Dickköpfigkeit, Unerschrockenheit und ein großer Freiheitsdrang“ aus. Zurück in München beginnt sie, sich ernsthafter zu fragen, was sie eigentlich machen will. Sie versucht sich als Goldschmiedin, weil das Handwerk sie reizt, bricht das Praktikum aber wieder ab. Sie spürt, das ist nicht das richtige. Gleichzeitig erinnert sie sich an die alte Kamera ihres Vaters, mit der sie schon während der Schulzeit herumexperimentiert hat. Amateurhaft zwar, aber doch mit dieser Reichertschen Akribie. Sie legt nämlich nicht nur den Film ein, knipst und guckt, was herauskommt, nein, sie notiert sich die Belichtungszeiten, will ganz genau wissen, warum das, was sie später sieht, so entstanden ist; warum ein Bild funktioniert oder nicht. „Ich fand das spannend, durch den Sucher zu schauen“, sagt sie. Im Freundeskreis war sie irgendwann einfach immer die, die fotografiert hat. Folgerichtig entscheidet sich für eine klassische Fotograf:innenenausbildung in München. Drei Jahre, mit allem, was dazugehört. 2020 macht sie ihren Abschluss – unter den eigentümlichen Bedingungen der Pandemie – und meldet noch am selben Tag ihr Gewerbe an. Wir erinnern uns: „Wenn ich mir was in den Kopf setze, dann zieh ich das auch durch.“ In den Worten ihres Vaters: „Auf der Suche nach sich selbst lässt sich Laura nicht vom angestrebten Weg abbringen!“.
Studium und Arbeit in Wien
Dieser Weg führt zwei Jahre später nach Wien. Motor? Die pure Neugier. „Ich wollte sehen, wer ich bin, wenn ich woanders bin“, sagt sie. Sie schließt ein Studium der transkulturellen Kommunikation ab, baut sich parallel ein neues Netzwerk auf und arbeitet weiter als Fotografin. Ihre Arbeit beschreibt sie selbst als eine „wilde Mischung aus Porträt, Mode, Werbung und Architektur.“ Wenn Laura über ihre Fotografie spricht, fällt ein Wort immer wieder: Atmosphäre. Und damit meint sie nicht nur eine visuelle Stimmung, sondern etwas, das sich schwer beschreiben lässt. „Die Atmosphäre eines Bildes ist das, was man fühlt“, sagt sie. Licht, Farben, eine bestimmte Situation, ein Blick, ein Lachen, das alles verdichtet sich zu einem Eindruck, der im Idealfall im Gedächtnis bleibt. Inspiration holt sie sich unterwegs, eher beiläufig, in Situationen, die man nicht planen kann, aber eine gewisse Bedeutung oder Stimmung transportieren; sei es, im Rahmen der Interaktion mit anderen Menschen, seien es spannende Lichtverhältnisse. Manchmal, sagt sie, laufe sie durch die Gegend und fotografiere bewusst unscharf, nur um bestimmte Farbstimmungen festzuhalten. Und sie versucht, sich Licht- und Farbverhältnisse zu merken – wie es durch Bäume fällt, wie es sich auf Haut legt – um die auf möglichst ähnliche Weise bei einem späteren Shooting wieder abzurufen.
Wie sehr sie das – auf handwerklicher oder sogar künstlerischer Ebene – mit ihrem Großvater verbindet, hat sie erst in der Werkstatt festgestellt. „Hier habe ich plötzlich realisiert, dass mich Jos Farben offenbar beeinflussen“, sagt Laura. Während sie mit ihrem Vater die Drucke durchsieht, stellt sie immer wieder fest, dass ähnliche Farbkombinationen in ihren Fotografien auftauchen. „Insane!“ Und dann ist da ja auch noch die Affinität zur analogen Fotografie. „Das ist für mich ein ganz anderes Bildgefühl und auch eine andere Art zu fotografieren“, sagt Laura. Der Entstehungsprozess erhalte mehr Relevanz. Auch das verbindet sie mit Josua.
Aus Reichert-Merch wird zeitloses Projekt
Eine ganz neue Dimension nimmt diese Verbindung im Laufe der Ausstellung „Josua Reichert. Poesie der Buchstaben“ in der Städtischen Galerie Rosenheim im Jahr 2024 an, die erste große Ausstellung nach seinem Ableben. Laura ist nicht an der kuratorischen Arbeit beteiligt, aber erstmals „müssen“ sich Sohn und Enkelin bewusst mit dem Zustand und vor allem dem Inhalt der Werkstatt befassen. Dabei passieren zwei Dinge: Einerseits wird ihnen klar, dass sie diesen Ort nicht einfach sich selbst überlassen können. „Wir haben also entschieden, die Produktionsstätte in ein Archiv umzuwandeln“, sagt David Reichert. Andererseits hat Laura die zündende Idee, als begleitende Aktion zur Ausstellung ein paar Josua-Reichert-Produkte für den Museumsshop zu entwickeln. Dinge, die man erstehen kann, ohne gleich einen Druck kaufen zu müssen: T-Shirts. Taschen. „Ich fand die Idee schön, dass man Motive von Josua im Alltag tragen kann“, sagt sie. Und sie wählt – mit goldenem Händchen quasi – ein Motiv, das sie selbst besonders mag: einen Druck, den sie „Komma-Baum“ nennt. Den überträgt sie auf Stoff. Es zeigt sich, was nur Uneingeweihte überrascht haben dürfte: Das Motiv ist so zeitlos und cool, dass sich die Shirts und Taschen verkaufen wie verrückt. Kurzerhand macht Laura eine Art kleines Business daraus. „Studio Reichert“ bringt Josuas Motive sozusagen unters Volk. Die andere, die archivarische Aufgabe geht Laura und ihrem Vater nicht ganz so leicht von der Hand. Obwohl sie es liebt sagt Laura, Ordnung zu schaffen.
In Josua Reicherts Reich erweist sich das allerdings buchstäblich als Mammutaufgabe. „Wir haben hier hinten angefangen“, sagt Laura und zeigt auf einen der weißen Schränke mit klemmender Schiebetür. Die Vorgehensweise entpuppt sich, zwangsläufig, als eine Art Mischung aus „Trial and Error“ gepaart mit „zwei vor, eins zurück“. Sie ziehen Schubladen auf, holen alles heraus, legen es auf Tische, vergleichen, sortieren, räumen hierhin, schieben dorthin, beschriften dies, codieren das. Manchmal geht es schnell – bei den Plakaten zum Beispiel steht genau drauf, wann und wofür sie entstanden sind. Doch sobald sie tiefer in das Werk eintauchen, wird es kompliziert.
Sehr kompliziert. Es gibt zwar ein Werkverzeichnis, doch das endet Mitte der Neunzigerjahre. Seither wuchs das Werk, doch Josua hat kaum, und wenn, sagen wir: nur auf etwas eigenwillige Art dokumentiert, was er so tat. Laura und David stehen Unmengen an losen Zetteln, Ordnern, Notizen, sich ständig ändernden Codes und Nummerierungen gegenüber, die je nach Tagesform ihres Urhebers mal vorwärts, mal rückwärts laufen. „Um ehrlich zu sein: Wir haben nur eine leise Ahnung von dem, was uns hier noch erwartet. Es ist wie eine Schatzsuche – spannend, aber es dauert auch lange“, sagt David; und Laura ergänzt: „Eigentlich bräuchten wir Hilfe, aber irgendwie ist es halt dann doch so persönlich und so privat, dass man sich nicht traut, das an jemand anderen auszulagern.“ Und noch macht es ihr ja auch irre viel Spaß, auf diese Weise mit Opa Jo in Kontakt zu bleiben, dabei ab und an gedanklich Zwiesprache mit ihm zu halten und nicht zuletzt immer wieder aufregende Entdeckungen zu machen. „Hier zum Beispiel“, ruft sie, während sie einen Druck aus einer riesigen Mappe zieht.
„Ich find‘s nach wie vor so krass, wie cool sowas aussieht. Ich mein, es sind letztlich einfach nur Buchstaben, aber die wirken so toll, so zeitlos.“ Auf jeden Fall noch viel zu tun, für David und Laura Reichert; und ein unerschöpflicher Pool für „Studio Reichert“ obendrein. Wer weiß, vielleicht muss ich diesen Ort ja ein drittes Mal besuchen, so in fünf, sechs Jahren?
Infos & Kontakt: laura-reichert.com

