Thomas Bauer reist nicht, um anzukommen. Er reist, um sich der Welt auszusetzen – und erlebt dabei immer wieder, wie weit man mit Neugier, Trotz und Vertrauen kommt.

Wenn sich Thomas Bauer auf den Weg macht, bleiben seine Pläne selten sonderlich lange bestehen. Stattdessen passieren ihm diese Dinge, die sich im Nachhinein als Stoff herausstellen, den man noch seinen Enkelkindern erzählt (oder den Leser:innen seiner Bücher): Straßen enden im Nichts, Stürme ziehen auf, falsche Polizisten wollen ihm ans Leder. Doch ob in der Normandie oder in Bolivien, in Grönland oder auf dem Himalaya – Bauer hadert nie, sondern vertraut darauf, dass es weiter geht. Schließlich ist es immer irgendwie weitergegangen, kam er immer irgendwie heil aus der Sache heraus und voller erzählenswerter Eindrücke zurück nach Hause. 

Stuttgart, Interrail und dann die Welt

Das Fernweh hat er früh entwickelt. Bauer wächst in Stuttgart auf, mit Eltern, die ihm abends aus Abenteuerbüchern vorlesen. Geschichten von Aufbruch, von fremden Ländern, von Menschen, die sich hinauswagen. „Da reifte der Wunsch in mir, ebenfalls Außergewöhnliches zu erleben“, sagt er. Den Wunsch setzt er in die Tat um, sobald er alt genug ist, sich allein auf die Socken zu machen. Mit sechzehn fährt er per Interrail durch Frankreich und Italien. Da leckt er quasi Blut. Schnell werden die Reisen größer, länger und weiter. Und irgendwann wird daraus eine Mischung aus viel berittenem Steckenpferd und zweitem Standbein. 

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Heute lebt Bauer mit seiner Familie in Tutzing (und Stuttgart) und arbeitet im Marketing des Goethe-Instituts in München. Frau und zwei Kinder halten ihn nicht davon ab, regelmäßig wochenlang unterwegs zu sein. Zu Fuß, im Kajak, auf dem Liegerad oder einem kuriosen Gefährt namens Velomobil, eine Art muskelbetriebenes, dreirädriges Gokart mit Carbonkarosserie. Er will offenbar aus eigener Kraft voran kommen, um auf diese Weise sich selbst und der Gegend gleichermaßen nah zu sein. „Ich entwerfe immer einen Reiseplan“, sagt er. „Der ist meist nach wenigen Tagen Makulatur.“ In den bereits beschriebenen Unwägbarkeiten und kleinen wie großen „Katastrophen“ liegt für ihn der Reiz des Reisens. Es geht darum, die Kontrolle abzugeben, sich treiben zu lassen, einfach mal zu zu schauen, was passiert, wenn man sich voll einlässt und nicht alles minutiös festzurren kann. Dass dabei nicht immer alles glatt läuft, machts so spannend.

Aufgeben ist nie Option

In der Normandie prasselt vier Tage lang ein Dauerregen auf ihn herunter, während er auf einem Postrad Frankreich umrundet. Zugegeben, wenn jedes Fitzelchen Kleidung komplett durchnässt ist und sich noch mehrfache Platten dazugesellen (schönen Gruß an die Straßen von Rouen),  kann die Stimmung  schon mal kippen. „In solchen Momenten frage ich mich schon, warum ich eigentlich nicht zuhause auf dem heimischen Sofa sitze.“ In solchen Situationen würden viele abbrechen, verständlicherweise. Was macht Bauer? „Es erwacht so etwas wie ein kindlicher Trotz in mir. Etwas sagt: Jetzt erst recht!“ Also fährt er weiter. Und kurz darauf reißt der Himmel auf, als Mont-Saint-Michel vor ihm emporragt. Ein unvergesslicher Moment; ein Moment, den er nicht erlebt hätte, wenn es ihm um Komfort und Bequemlichkeit ginge.

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Kurioserweise ziehen sich solche Kipppunkte durch viele seiner Reisen. Oft ist es nur eine Mischung aus Glück und Geschick, die ihn rettet. Auf der Donau, die er im Paddelboot bis zum Schwarzen Meer hinunterfährt, unterschätzt er den Fluss und das Wetter. Zwischen Südserbien und Bulgarien ziehen Stürme auf. Das Wasser schlägt ihm bis zum Hals, er verliert die Orientierung und erreicht das Ufer nur mehr unter größter Mühe. „Da habe ich gemerkt, wie schnell sich so etwas drehen kann“, sagt er. Ob er dabei nicht wahnsinnig unter Angst und Stress leidet? „Seltsamerweise kommt das oft erst hinterher“, sagt er.
Das habe sogar bei den Entführungsversuchen in Bolivien gegolten, obwohl die wahrlich hollywoodreif abliefen: Ein Mann gibt sich als Polizist aus, zeigt einen gefälschten Ausweis und will ihn in ein Auto drängen, angeblich, um zum Polizeirevier zu fahren. Doch Bauer ist ebenso misstrauisch wie wach. Er verwickelt den Typen in ein Gespräch, stellt Frage um Frage und schafft es so, den Mann hinzuhalten, bis genügend Passant:innen auftauchen, um unbehelligt das Weite suchen zu können. Drei Mal gerät er in ähnliche Situationen, jedes Mal geht es gut aus. „Währenddessen hatte ich keine Angst“, sagt er. „Die kam erst danach.“

Willkommener Gast, wo er auch anklopft

Als furchtlosen Draufgänger würde er sich trotzdem nicht bezeichnen. Was ihn durch solche Momente trägt, ist etwas anderes: Vertrauen. In sich, aber vor allem in andere. Denn, betont Bauer, in der Regel verhalten sich die Menschen aufgeschlossen, freundlich und überaus hilfsbereit. Beispiele gibt es zuhauf. Als er auf seiner Fahrradrikscha durch den Norden Malaysias zuckelt, irgendwo zwischen Laos und Singapur, drückt die Hitze, während Wasser und Kraft zur Neige gehen. Da entdeckt er am Straßenrand eine Hütte. Kurzerhand klopft Bauer an. Eine ältere Frau öffnet. „Jetzt stellen Sie sich vor“, sagt er, „da steht abends ein zerlumpter, völlig fertiger Ausländer unangemeldet vor Ihrer Tür.“ Die Frau schlägt sie ihm jedenfalls nicht vor der Nase zu, sondern bittet ihn hinein. Bauer bekommt zu essen, einen Platz zum Schlafen und versucht am nächsten Morgen vergebens für die herzliche Bewirtung zu bezahlen. Er sei Gast, fertig, aus. „Ich hätte mich selbst vielleicht nicht hineingelassen“, sagt Bauer, der genau das glücklicherweise immer wieder erlebt; in Neuseeland, in Kanada, in Ungarn. Menschen, die helfen, die es irgendwie wertzuschätzen scheinen, dass da einer mit Rikscha, Kajak oder Liegerad durch ihre Gegend fährt und auf Tuchfühlung geht. Auf gewisse Weise gibt er ja auch etwas zurück, indem er die Geschichten aufschreibt und damit den Menschen eine Stimme und den Orten seinen unvoreingenommen Blick schenkt. 

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Oft tut er das schon unterwegs: Abends oder auf langen Bus- und Zugfahrten arbeitet er an seinen Aufzeichnungen. Aus diesen Notizen sind im Lauf der Jahre zahlreiche Bücher entstanden: über den Mississippi, die Türkei, Japan oder Grönland. Zuletzt hat er vieles davon noch einmal gebündelt. Im MANA-Verlag sind gerade drei Bände erschienen: „Abenteuer Europa“, „Abenteuer Asien“ und „Abenteuer Amerika“. Mehr als 1.000 Seiten, ein „Best of“ aus drei Jahrzehnten unterwegs, wie er sagt. „Mit wildesten Erlebnissen, hanebüchensten Begegnungen und lustigsten Missverständnissen“. Die Lektüre zeigt erneut, dass es Begegnungen sind, die tausendmal stärker im Gedächtnis haften bleiben als Sehenswürdigkeiten. Die lässt Bauer dementsprechend guten Gewissens links liegen. „Es kommt mir nicht darauf an, irgendetwas abzuhaken“, sagt er. Viel wichtiger sei es ihm, zu verstehen, wie ein Land funktioniert, wie die Menschen denken, wie sich eine Landschaft anfühlt. „Die Momente, in denen ich das Gefühl habe, ein Stück weit angekommen zu sein, weil ich die Spielregeln durchschaut habe und mich zurechtfinden kann.“ Was ihn überdies fasziniert, sind die Wunder der Natur, an die kein menschliches Bauwerk heranreicht: ein Sonnenaufgang am Sankt-Lorenz-Strom, die Pyramide des heiligen Berges Kailash in Tibet, die perfekte Mischung aus Sonne und Nebel in einem Dorf in den Pyrenäen. „So etwas vergisst du nicht!“ 

Dann steht er plötzlich vor ihm, der Schneeleopard

Unter den unvergesslichen Begegnungen sticht eine ganz besonders hervor: Im Himalaya, auf über 4.000 Metern, sucht er zwei Wochen lang nach einem Schneeleoparden. Jeden Tag scannt er die Berge mit dem Fernglas, legt Felder aus Schnee an, um Spuren zu entdecken. Mit der Zeit glaubt er, überall welche zu sehen. Die Suche wird obsessiv. Gleichzeitig wächst die Gewissheit, dass er das „Phantom der Berge“ wohl nie zu Gesicht bekommen wird. Da steht es zwei Tage vor dem Rückflug plötzlich vor ihm. Keine acht Meter entfernt. „Ein Gefühl, als sei auf einmal ein Licht in die Welt gekommen“, sagt er. Seitdem nennt er den Schneeleoparden sein Krafttier.

In Grönland erlebt er, wie kräftezehrend  etwas sein kann, dass man hierzulande so gar nicht mehr kennt: die absolute Stille. Keine Autogeräusche, kein Rasenmäher, nicht einmal der Wind, der Blätter zum Rascheln bringt oder Grashalme aneinanderreibt – wie auch, das alles existiert da oben nicht. Es gab nur ihn, den Wanderer, und eine endlose Fläche Schnee. Bauer stapfte auf Schneeschuhen über das Land und kam sich vor wie Godzilla, der eine Stadt zerstört, so laut erschien ihm das Knirschen seiner Schritte. „Wenn ich stehenblieb, ist ein Tinnitus in meine Ohren gefahren“, erzählt er, „es war schwer auszuhalten.“ Die Erfahrung habe ihm bewusst gemacht, wie laut die Welt ist, aus der er kommt.

„Ich bin klein, die Welt ist groß“

Wie haben all diese Erfahrungen den fast 50-Jährigen verändert? Eine wichtige Erkenntnis sei auf jeden Fall in ihm gereift: „Ich bin klein, die Welt ist groß, und das ist gut so“, sagt Bauer. Mit diesem Wissen einher geht der Wille, Widersprüche auszuhalten. In den USA fährt er mit einem Velomobil den Mississippi entlang und  trifft Menschen, die anders leben, anders denken und anders wählen. In Japan lassen ihn zahlreiche Kleinigkeiten verzweifeln – Essstäbchen richtig halten, unbekannte Höflichkeitsregeln einhalten, die Bedeutung eines scheinbar mehrdeutigen Lächelns … In der Türkei wiederum reiht sich eine Einladung an die nächste: über fünfzig Mal wird er zum Tee gebeten, verirrt sich in den Gassen von Antalya und verschläft am Ende sogar das Opferfest. Kleinigkeiten, nichts, das die Freude an der Fremde nachhaltig trüben konnte. 

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Tatsächlich erinnert sich Bauer an wenige Orte, die er nicht mehr besuchen würde.  Vietnam verlässt er früher als geplant – zu oft fühlt er sich dort „wie ein Geldbeutel, an dem dummerweise noch eine Person dranhängt“. Und die größeren Städte in Marokko hat er ebenfalls nicht ins Herz schließen können. In Casablanca hängen sich Bettler an seine Beine, in Marrakesch wird er angespuckt. Andererseits tragen auch solche Erfahrungen dazu bei, bestimmte Dinge in der Heimat erst wirklich schätzen zu lernen: „Wir leben in einem der reichsten und sichersten Länder der Welt, in einer Region ohne Vulkanausbrüche, Erdbeben oder Tsunamis. Sollte mal etwas passieren, habe ich die begründete Hoffnung, dass mir Polizisten helfen und nicht die größten Gauner von allen sind. Das ist nicht überall so!“

Heimat – gutes Stichwort. Früher fiel ihm das Heimkommen schwer. Dank der Familie ist sie heute ein wohltuender Gegenpol. Tutzing, der Starnberger See, die Alpen, seine Kinder, Gattin Dagmar  – „erdende Elemente“, nennt Bauer sie. Dagmar und Thomas haben sich mitten auf der Donau kennengelernt, sie war zunächst seine Lektorin, er der Autor. Auf jeden Fall wusste sie, worauf sie sich einlässt. Die Kinder gehen unterschiedlich mit des Vaters Reiselust um. Der Sohn verfolgt die Routen auf Google Maps, die Tochter hätte den Papa schon gern etwas mehr zuhause. Es ist ein Austarieren, immer wieder; aber das ist diese kilometer- und – so ehrlich muss man sein – ressourcenfressende Leidenschaft ja ohnehin. Wie geht er also um, mit diesem Spagat zwischen Fernweh und Verantwortung, Reisen und Klimadebatte? Bauer macht sich da nichts vor. Ihm ist völlig bewusst, dass er erstmal hinkommen muss, in diese fernen Länder, und dass dies meist mittels Flugreisen geschieht. Gleichzeitig versucht er, anders zu reisen: Länger zu bleiben, sich vor Ort aus eigener Muskelkraft zu bewegen und vor allem: sich einzulassen. Auf Menschen, auf Gespräche und auf andere Perspektiven. „Gerade in unserer heutigen Zeit angesichts von Rechtsruck und Social-Media-Sucht halte ich diesen direkten Austausch für essentiell“, sagt er und zitiert Alexander von Humboldt: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.“

Wenn dieser Text erscheint, schaut sich Thomas Bauer folgerichtig schon ein weiteres Land an. Diesmal erkundet er  Indonesien, auf dem Kajak. Wie immer wird er vorab einen vagen Plan gefasst haben – wie immer vertraut er darauf, dass der Weg das Ziel ist. Wie es ihm ergangen sein wird, werden wir hoffentlich irgendwann in einem weiteren Buch zu lesen bekommen. 

Infos und Kontakt: neugier-auf-die-welt.de