Musik hat unmittelbaren Einfluss auf Gefühle, reguliert sie. Vielleicht ist das ein Grund für den großen Erfolg Marcel Englers als „Loisachmarci“? Denn sein Alphorntechno rührt etwas Urtümliches in uns an.
Loisachmarcis Musik umgibt mich wie ein Kokon. Ich sitze am Schreibtisch, mit meinen Kopfhörern in den Ohren und der Bass durchdringt mich von den Trommelfellen bis in die Spitzen der feinen Härchen auf meinen Armen. Ich fühle mich irgendwie wattig, flauschig. Aber nicht unangenehm, wie wenn man krank ist. Eher wie in einer sehr weichen, knautschigen Blase. Der Sound bringt eine Saite in mir zum Schwingen, die selten angeschlagen wird. Irgendwie archaisch.
Loisachmarci muss man live erleben
Eigentlich suche ich nach einem Einstieg in das Porträt über diesen Mann, mit dem ich gerade über eine Stunde lang gesprochen habe. Der so viel zu erzählen hat und sich nie wiederholt. Der mittlerweile ein richtiger Medienprofi ist, aber ohne auch nur im kleinsten unauthentisch zu wirken. Der Marci ist einfach der Marci. Der an der Loisach aufgewachsen ist, dessen Fließen sein Werk bis heute beeinflusst. Dieses Werk höre ich mir an, um zu fühlen, was er fühlt; um zu sehen, was er sieht. Ein Werk, in dem man die Berge spürt, in dem man mit einem Adler über die Gipfel segelt und das etwas ganz Urtümliches in einem anspricht. Die Saite, die selten gezupft wird. Und dabei höre ich gerade nur im Stream, nicht live. Aber den Loisachmarci, den muss man live erleben. Er könne keinen Track 1:1 reproduzieren, sagt er. Er entscheide, wann sich welcher Sound richtig anfühlt. Location, Stimmung, Geruch – all das nimmt Einfluss auf seine Musik. Kommt auf dem Album nach 2:31 eine Trompete, muss das live noch lange nicht so passieren. „Ich steige auf Konzerten gerne mit fünf, sechs Minuten tiefem, flächigem Sound ein“. Während andere gerne Gas geben und mit einem richtigen Knall eröffnen, macht Marci das anders. Er schafft erst einmal Ruhe in F-Dur. Und mit den Schwingungen bringt er die Zuhörenden „runter“, er hilft ihnen, eine Verbindung einzugehen. Mit sich selbst, mit den anderen, mit Marci und mit dem, was Marci mitbringt. Das F ist dabei ein wichtiger Faktor. „Jedes Gewässer fließt in F“. Und da der Mensch zu bis zu 75 Prozent aus Wasser besteht, bewegt dieser Ton mehr als man glauben mag. Manche würden das nicht aushalten, aber das sei okay. Für andere fühlt es sich an wie eine Hülle, wie eine Meditation und trägt maßgeblich zu eben jenem Erlebnis bei, das so ein Konzert von Marci ist. Zufälligerweise ist das F auch der Grundton im Alphorn.
Wer Marci zum ersten Mal auf der Bühne springen sieht „wia a Oachkatzl“, denkt vermutlich eher nicht daran, dass er eigentlich nie auf die Bühne wollte: „Da kemma ja dann Leit!“ lautete seine entrüstete Antwort auf Freunde, die ihm genau das vorgeschlagen hatten. Ja, Marci, im Idealfall sogar mehrere Tausend! Sorgen habe er sich gemacht, ob er das alleine packe? Er sei ja „nicht viel“, er singe ja nicht einmal. Mittlerweile weiß er, dass er mit seiner Musik die ganze Zeit über mit den Menschen vor der Bühne kommuniziert. Mit Klängen, die völlig neu sind für viele und auf einer neuen Ebene erlebt werden. Dabei galt er anfangs sogar als „schräger Kauz“, hat Drohanrufe erhalten. Er würde die Tradition „verhunzen“, was er da mache sei unmöglich! Wie könne er nur in seiner prachtvollen Werdenfelser Tracht auf der Bühne stehen und so ein wunderbares Instrument wie das Alphorn mit dieser elektronischen Komponente so entehren. Was das in ihm ausgelöst hat? Marci hat diese Menschen verstanden. Er hat verstanden, dass er da etwas ganz tief im kollektiven Bewusstsein verankertes irgendwie aufgebrochen hat. Und trotzdem – oder gerade deshalb – ist er dran geblieben und hat sich nicht von seiner Vision abbringen lassen.
Als kleiner Junge musste er Trompete lernen, vermutlich dem Beruf des Vaters als Generalmusikdirektor in Garmisch-Partenkirchen geschuldet. Marci selbst – damals noch bekannt als Marcel Engler – hätte lieber Gitarre gelernt, war da doch der „Punk“-Faktor weitaus größer. Mittlerweile spielt er neben Gitarre, Trompete und Alphorn noch rund 12 weitere Instrumente – obwohl er keine Noten kann. Für ihn sind Instrumente Werkzeuge und wenn man die Funktionsweise verstehe, könne man aus allem vernünftig was rausbringen. „Verstehen“ bedeutet hierbei nicht unbedingt eine kognitive Ebene. Es ist eher ein Spüren, ein Fühlen. Ein Energiefluss. Aus dem Menschen ins Instrument und andersrum. Denn Marci findet, das einzige Instrument, das man beherrschen muss, ist der Mensch selbst. Der Rest ist Handwerk.
Vom Schreiner zum Musikmeister
Apropos Handwerk. Marci wurde zwar als Generalmusik-direktors-Sohn geboren, aber das ist nicht gleichbedeutend mit einer Karriere als Musiker. Wäre das so, dass die Herkunft bestimmt, was man später macht, säßen viele von uns nicht da, wo wir sitzen. In Marcis Fall führte der erste Weg in eine Schreinerlehre. Daraus hat er ganz viel mitgenommen was Ordnung und Struktur betrifft. Und diese wiederum hätten ihm viel Respekt verschafft. Sobald den Menschen klar werde, erzählt er, dass er weiß, was er da tut, dass das alles kein Zufall (mehr) ist und dass er das nicht nur macht, weil es ihm Freude bringt, sondern auch weil es den Zuhörenden Spaß macht; dann seien die Hürden langsam gefallen. Auch bei der älteren Generation falle langsam der Groschen, dass man nicht alles verstehen müsse, aber dass „neuere“ Entwicklungen ihre Berechtigung haben.
Der Schreiner-Marci hatte sich im Laufe der Jahre so viel Kapital zurückgelegt, dass er den Sprung in die Selbstständigkeit wagte. Ein Jahr lang wollte er schauen, wie sich alles so entwickle. Und wenn es nicht funktioniert, zurück in die Schreinerei. Sein damaliger Chef unterstützte ihn und hielt ihm die Tür offen. Allerdings: Nach einem Jahr Loisach-Marci hatte er mehr verdient als in einem Jahr als Schreiner – und die Freiheit, die er auf der Bühne spürt, war mit nichts aufzuwiegen. Also kehrte er der Zimmerei den Rücken und verschrieb sich mit Haut und Haar der Musik. Im Mai erscheint sein zweites Album, der Produktionsprozess gestaltet sich dabei immer spannend, erzählt er. Zuerst kommt nämlich alles andere, das Alphorn erst zum Schluss. Er spielt alles selbst ein, nimmt auf, vervielfacht, speichert – aber ohne Computer. Sein Gerät der Wahl ist unter anderem eine so genannte „Loop Station“. Die nimmt Sounds auf und spielt sie wieder und wieder ab, verschiedene Klänge können darauf „gestapelt“ werden. Erst wenn Marci damit zufrieden ist, kommt das fast vier Meter lange Alphorn in den Alphorn-Techno. Und da passieren laut Marci nochmal „ultrakrasse Sachen“. Das Alphorn ist die Stimme, die den Sound verändert, die die Geschichte vervollständigt, die der letzte Pinselstrich im Gemälde ist. Marci malt Bilder mit seiner Musik. Ob er denn einen Sound im Sinn habe, frage ich ihn, wenn ich das erste Mal nach drei Jahren wieder auf einem Berggipfel stehe, nachdem ich ein gebrochenes Bein auskuriert habe? Lang denkt er nicht nach. „Ja, hab ich.“ Und alle anderen, denen er diesen Sound vorspielt, dann auch. Sie alle spüren, wie es ist, nach langer Abwesenheit wieder dahin zurückzukommen, wo man sich wohl fühlt. Wo man frei ist. Durch die Bilder, die sein Sound malt.
Generell kann man auch über den Marci sagen, dass er sich zwar einen Plan gemacht hat, wo er in den kommenden 20 Jahren hin will, aber auf dem Weg lässt er sich gerne mal treiben. Und genau das macht seine Kunst aus. Das Cover seines kommenden Albums „Kurtaxe“ zum Beispiel sollte eigentlich ganz anders werden, als es jetzt ist. Von den Bergen über einen wild verkabelten Sendemast im Sonnenaufgang auf der Zugspitze bis hin zu: er nimmt die Schere und das Gaffer-Tape selber in die Hand und bastelt eine Collage als Inspiration aus zufällig entstandenen Bildern von einem seiner Auftritte. Da hat sich „ein Typ reingeschlichen“, fotografiert und die Bilder dann ein paar Tage später Marci geschickt. Der liebte die Bilder sofort, sie muteten an wie von einem Auftritt einer rotzigen, englischen Punkband aus den 80er Jahren. Also nahm der Künstler die Gestaltung selbst in die Hand: Ein Alptraum für die Grafikerin, aber der Marci wollte es jetzt gerne punkig.
Dem Zufall überlassen will er die Dinge eher ungern, aber er nimmt die Abzweige auf dem Weg, den er ursprünglich eingeschlagen hat. Wie beim Albumcover – aber eben auch wie bei der Entstehung seiner Art von Musik. Im Gespräch nennen wir es „die Geschichte vom Soundcheck“: Marci mit Alphorn auf der Bühne beim Soundcheck, ein DJ hat beim vorherigen Soundcheck vergessen, sein Set ordentlich zu beenden – und plötzlich war er da, der Alphorn-Techno. Fette Beats und satter Alphorn-Klang – das ergab einfach Sinn! Wie er dazu steht, wenn jetzt ein:e Nachwuchsmusiker:in das gleiche macht? „Soll ruhig! Interpretier meine Sachen, sample meinen Sound!“ Er freue sich, wenn er junge Menschen inspirieren könne, der selber junggebliebene Instrumente-Allrounder. Aber er bleibt eben das Original. Und genau so ein Original will er in 20 Jahren sein. Am liebsten mit einem langen, weißen Bart, immer noch hüpfend auf der Bühne, immer noch mit dröhnenden Bässen und sattem Klang.

